Berg-Ge(he)n

Über den Ostgrat zur Brecherspitze

Der Hochsommer ist die perfekte Zeit für abendliche Bergtouren nach dem Arbeitstag im Home Office. Nach dem Abstecher zur Baumgartenschneid einige Wochen zuvor ergibt sich eine neue Gelegenheit für eine Feierabendtour. Mit dem letzten Bus werde ich zum Spitzingsattel fahren und mal wieder die Abkürzung über den Ostgrat zur Brecherspitze unter die Füße nehmen. Den gleichen Plan hatte ich im Vorjahr schon einmal – und musste mich spontan nach einer Alternative umsehen. Heute soll’s aber endlich klappen!

Die Touristen sind zurück

Bevor es aber soweit ist, gilt es erstmal die Tourenbegleitung zu organisieren: und was liegt für eine Feierabendtour näher, als (frühere) Kolleginnen mitzunehmen? Mit Susanne war ich zuletzt auf der bereits beschriebenen Sonnenuntergangstour zur Baumgartschneid unterwegs, Sina begleitete mich erst zehn Tage zuvor auf das Demeljoch. Pünktlich treffen wir uns am Harras und warten auf den Zug in Richtung Bayrischzell. Es ist mit kurz nach vier noch etwas zu früh für die großen Pendlerströme, dennoch ist der Zug einigermaßen gefüllt. In Holzkirchen und Miesbach leeren sich die Plätze spürbar und fast pünktlich rollen wir in Fischhausen-Neuhaus ein – während unser Bus zum Spitzingsee noch an der geschlossenen Schranke warten muss. Dieses Mal wird der Anschluss also klappen!

Ich bin schon des öfteren mit dem letzten Bus zum Spitzingsattel hinaufgefahren – meistens als einziger Fahrgast. Heute stehen noch eine Handvoll anderer Feierabendwanderer an der Bushaltestelle – aber ich bin zuversichtlich, dass meine Prognose eines mehr oder weniger leeren Busses auch Realität werden wird. Als dieser kurz darauf die Gleise überquert und vorfährt, ist er aber ganz im Gegenteil so gut wie voll. Eine Schulklasse ist offenbar auf dem Rückweg in die Jugendherberge im letzten Winkel von Neuhaus. Die kurze Fahrt dorthin ist durchaus anstrengend: die Pubertiere aus NRW scheinen nur begrenzt Gefallen an ihrer Klassenfahrt in die idyllische, oberbayerische Provinz gefunden zu haben. Unüberhörbar. Dann hält der Bus endlich an der Haltestelle in der Nähe der Jugendherberge, es kehrt für die letzten Fahrtminuten eine wohltuende Ruhe ein.

Steiler Anstieg

Der längst aufgelassene Steig über den Ostgrat beginnt direkt am Spitzingsattel und ist der mit Abstand schnellste Weg zum Gipfel der Brecherspitze. Ohne jede Aufwärmphase geht es gleich steil im Wald zur Sache. Sobald wir einen ersten Absatz erreichen können, können wir uns auf einem flacheren Stück wieder etwas erholen. Und dann stehen wir am Fußpunkt des felsigen Ostgrats. Der Steig holt weit aus und führt dann direkt zu einer etwas abweisenden Felswand. Die anschließende leichte Kraxelei macht Spaß – und stellt schon die größte Schwierigkeit auf dem Weg zum Gipfel dar.

Die Steilstufe liegt bereits im abendlichen Schatten

Nun meistens in unmittelbarer Gratnähe steigen wir weiter aufwärts. Noch ein paar unübersichtliche, aber nicht schwierige Stellen samt immer wieder schöner Aussicht – und dann wird der Steig in der Latschenzone immer einfacher. Bald kommt der Gipfel immer näher, die lediglich 550 Höhenmeter machen sich natürlich positiv bemerkbar. Zuletzt läuft der Steig fast aus und wir passieren das vor Lebensgefahr warnende Schild. Das ist sicherlich etwas zu viel des Guten, aber natürlich ist der Steig im Abstieg deutlich unangenehmer – und wenn’s den einen oder anderen Touristen davon abhält, hier unvorsichtigerweise herunterzusteigen, dann hat sich die Bergwacht ein paar Einsätze gespart.

Sommerlicher Dunst liegt über dem Bayerischen Oberland

Schon wieder verschätzt

Nachdem uns im unteren Teil des Ostgrats völlig überraschend eine Bergsteigerin begegnet ist, vereinbaren wir auf den letzten Metern zum Gipfel ein kleines Tippspiel: wie viele Personen werden während unserer Gipfelpause dort ebenfalls anzutreffen sein? Ich tippe auf vier, Susanne auf sechs und Sina gar auf sieben. Da ich ja schon mal abends auf der Brecherspitze die Einsamkeit genießen durfte, freue ich mich über einen leichten Erfolg. Aber es geht schon ungünstig los: wir kommen im Sinne des Wettbewerbs 30 Sekunden zu früh am Gipfel an, auf dem gerade ein Mann seinen Rucksack schultert und kurz nach unserer Ankunft absteigt. Und so kommt es, wie es kommen muss: als der Zähler bereits bei fünf Personen steht und wir zusammenpacken, erreicht in letzter Sekunde eine Münchnerin über den Nordgrat den Gipfel. Damit geht der Preis für die beste Schätzung wohl eindeutig an Susanne …

Die gefrässigen Alpendohlen zählen natürlich nicht mit

Passgenauer Abstieg zum Bahnhof

Vor dem Abstieg haben wir noch überlegt, ob wir nicht den direkten Weg über den Nordgrat nach Neuhaus, sondern vielleicht doch spontan über die St. Leonhard-Kapelle gehen sollen. Letztlich bleibt es wegen der besseren Vorhersehbarkeit der Abstiegsdauer beim ursprünglichen Plan. Mit etwas Zeitpuffer im Rücken geht’s dann in den letzten Sonnenstrahlen wieder talwärts. Mit Diskussionen über starke und schwache Verben erreichen wir schnell die Ausläufer der Ankelalm. Hier geht gerade die Sonne unter – der Zeitpuffer schmilzt zügig dahin, aber einige Fotos muss ich dann doch noch machen: die Bäume auf dem gegenüberliegenden Grat heben sich wie Scherenschnitte vor dem Sonnenuntergang ab. Sehr schön!

Großartige Farben zum Sonnenuntergang

Endlich an der Ankogelalm ist es nur noch eine Stunde bis zur Abfahrt des angepeilten Zuges. Zwar würde noch eine Stunde später noch einer letzter fahren, aber alle würden gerne nicht zu spät zuhause ankommen. Und so legen wir einen Zahn zu und steigen nun zur Abwechslung zügig weiter nach Neuhaus ab. Nach den steilen Forstwegrampen geht’s schließlich wieder fast eben über den Bockerlbahnweg an den Ortsrand. Wenn der Weg nicht plötzlich und überraschend gesperrt wäre – haben wir beim Abzweigen im Dunklen ein entsprechendes Hinweisschild übersehen? Für eine andere Wegwahl ist nun keine Zeit mehr, und so kraxeln wir vorsichtig durch die improvisierte Talstation einer Materialseilbahn der Forstbetriebe: oberhalb des Weges wird offenbar gerade ein Windwurfgebiet geräumt. Wir verlieren dabei ein wenig Zeit, erreichen aber knapp 5 Minuten vor dem Zug den Bahnhof – passt!

Fazit

Der Ostgrat war wie immer: kurz und knackig! Nachdem der eigentliche Sommer 2021 die leichte Tendenz zum Totalausfall hatte, war dieser Abend eine schöne Abwechslung. Und ich wurde freundlich darauf hingewiesen, meine nette Begleitung auch oft genug zu erwähnen – was ich natürlich gerne mache: Bergerlebnisse sind geteilt natürlich noch schöner!

Tourendatum: 22. Juli 2021

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