Berg-Ge(he)n

Wie das Auracher Köpfl meinen Feierabend rettet

An den langen Sommerabenden sind die Gipfel am Voralpenrand beliebte Tourenziele. Ende Juli nehme ich mir an einem schönen Freitag Abend den Ostgrat der Brecherspitze vor. Pünktlich bin ich um kurz vor 16:00 am Münchner Hauptbahnhof und finde ein ruhiges Plätzchen in der zunächst noch pünktlichen BOB. Leider bleibt diese schon nach wenigen hundert Metern Fahrtstrecke vor der Donnersberger Brücke lange vor einem roten Signal stehen. Schon in München ist klar: der Anschluss in Fischhausen-Neuhaus zum letzten Bus des Tages in Richtung Spitzingsattel wird knapp werden …

Zittern in der BOB: die Verspätung wird immer größer

Nach gut zehn Minuten geht es zwar endlich weiter, aber die BOB nimmt in der Folge nicht wirklich Fahrt auf. Ganz im Gegenteil: die Verspätung wird zunehmend größer. Selbst in Holzkirchen, wo genügend Zeit für die Zugteilung vorgesehen ist, gewinnen wir keine einzige Minute. Und als wir in Schliersee einrollen, ist die fahrplanmäßige Abfahrtszeit des Busses in Fischhausen-Neuhaus bereits erreicht. Wird der Bus warten?

Wenige Minuten später hellt sich nicht nur meine Miene auf: beim Aussteigen ist ein roter Bus der RVO gut zu erkennen. Mit schnellen Schritten halte ich auf den wartenden Bus zu – der Busfahrer fährt allerdings los, sobald die kritische Distanz zu seinen potentiellen Fahrgästen auf wenige Meter geschrumpft ist. Schade.

Viele alternative Ziele stehen nicht zur Verfügung

Für Frust ist allerdings wenig Zeit, denn ein neuer Plan muss her. Nur: welches Ziel lohnt um 17:20 in Fischhausen-Neuhaus noch? Die ersten beiden Ideen verwerfe ich schnell: Einerseits dauert der Hin- und Rückweg zur Brecherspitze von Neuhaus angesichts der für den nächsten Tag geplanten Karwendeltour zu lange. Andererseits bin ich den Weg nach Schliersee schon recht häufig gelaufen. Selbst mit einem Abstecher zur Burgruine Hohenwaldeck wird’s entlang des Schliersees nur wenig spannend werden.

Ein Blick auf die Karte hilft zur Ideenfindung einmal mehr weiter: nördlich der Bahnstrecke gibt es einige niedrige Gipfel – zwar meist dicht bewaldet, aber das ist an einem heißen Sommerabend kein Ausschlussgrund. Auf das Auracher Köpfl führt sogar ein Steig, der eine Überschreitung nach Fischbachau ermöglicht. Da ich dort noch nie unterwegs gewesen bin, fällt mir die Entscheidung leicht: Mit einen neuen Ziel vor Augen verfliegt mein Ärger über den verpassten Bus rasch und ich mache mich auf den Weg.

Gleich zum Tourenbeginn wird die schöne Kirche in Fischhausen passiert

Das Auracher Köpfl ist ein unerwartet schroffer Waldgipfel

Vom Bahnhof folge ich der Bundesstraße zunächst in Richtung Fischhausen, biege aber dann bald ab. Über Fahrwege und kurzzeitig entlang eines passablen Steigs erreiche ich den Probstboden, eine Einsattelung zwischen Hirschgröhrkopf und Auracher Köpfl. Von dort führt eine langweilige Forststraße auf die Nordseite hinüber, von der aus endlich der Gipfelsteig abzweigt. Ein Schild weist auf ernsthafte Schwierigkeiten hin, aber ich lasse mich natürlich davon nicht so schnell beeindrucken. In dem bald steilen Gelände ist der Steig geschickt angelegt, wird aber offensichtlich nur selten begangen. Viel zu schnell erreiche ich die Kammhöhe und bin überrascht, wie felsig das Gelände ist: Dank des dichten Walds sind die vielen Felsen und die Steilheit des Geländes von den umliegenden Gipfeln kaum auszumachen!

Kurz darauf stehe ich auch schon auf dem winzigen Gipfel, der nur ein Blickfenster nach Nordosten aufweist. Immerhin gibt es ein kleines Gipfelkreuz sowie ein Gipfelbuch. Diesem entnehme ich, dass Gerhard anlässlich seines 60. Geburtstags von seiner Familie mit der Patenschaft für diesen Gipfel betraut worden ist. Die Hintergründe bleiben unklar, ich vermute jedoch, dass er dem Auracher Köpfl schon früher sehr verbunden gewesen sein muss. Mir gefällt die Idee und freue mich sowohl für Gerhard als auch das Auracher Köpfl.

Die Abendsonne erreicht das kleine Auracher Köpfl nicht mehr

Schöne Abstiegswege führen nach Fischbachau

Nach der Gipfelpause beginne ich bald schon den Abstieg ins Tal. Auf der Südseite zeigt sich der Steig durchaus anspruchsvoller als zuvor im Anstieg. Auch wenn gelegentlich Trittsicherheit in steilem Gelände erforderlich ist, bleiben die technischen Schwierigkeiten recht gering. Sehr abwechslungsreich steige ich rasch weiter ab. Je näher ich dabei dem Tal komme, umso einfacher wird der Weg. Viel schneller als gedacht stehe ich schließlich im Talboden am Bahnübergang in Sichtweite der kleinen Siedlung Aurach – und muss schon wieder eine Entscheidung treffen: lohnt ein Sprint zum Bahnhof? Die Aussicht, den als verspätet angekündigten Zug eine Stunde früher als geplant zurück nach München nehmen zu können, motiviert mich ungemein.

Nur selten öffnet sich im Abstieg der Blick, wie hier zum Aiplspitz

Rückfahrt mit Hindernissen

Etwas außer Atem erreiche ich noch vor dem Zug den Haltepunkt in Fischbachau. Ich mache es mir auf einer Bank gemütlich und warte geduldig. Es kann ja schließlich nicht mehr lange dauern. Allerdings will der Zug partout nicht kommen – und irgendwann springt die Anzeige um: der Gegenzug aus Richtung Schliersee wird in wenigen Minuten erwartet. In Anbetracht der eingleisigen Strecke kann das nur einen Zugausfall bedeuten. Ich richte mich darauf ein und finde mich bereits damit ab, noch etwas länger auf meiner ungemütlichen Bank sitzen zu bleiben und den eigentlich geplanten Zug zurück nach München zu nehmen. Als dann aber auch der angekündigte Zug nach Bayrischzell nicht kommt und stattdessen irgendwann ein Bus mit SEV-Zeichen auftaucht, bin ich wenig begeistert. Aber ich habe Glück: ein Urlauber hat seine Frau mit dem Auto zum Bahnhof gebracht und dort mit ihr gemeinsam auf den Zug gewartet. Selbstverständlich nehme ich das freundliche Angebot an, mit beiden nach Schliersee zu fahren – denn ab dort sollen die Züge wieder normal fahren. Wir erreichen rechtzeitig Schliersee und tatsächlich steht dort ein Zug nach München bereit. Überraschend pünktlich startet der Fahrer um 21:00 den Motor und ohne weitere Verzögerungen erreiche ich wieder München.

Fazit

Das schlechte Zusammenspiel von Bus und Bahn hat natürlich meine geplante Tour zur Brecherspitze vereitelt. Vielleicht war das aber gar nicht so schlecht: auf diese Weise konnte ich mit dem Auracher Köpfl einen für mich neuen Gipfel entdecken. Besonders gut gefallen hat mir der überraschend felsige Charakter des Gipfelaufbaus: auch an kleinen, fast schon unscheinbaren Hügeln kann es spannend zugehen!

Tourendatum: 31. Juli 2020

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