Berg-Ge(he)n

Unbekannte Seebergschneid

Schon wieder klingelt der Wecker viel zu früh. Aber heute morgen bleibe ich im Gegensatz zum letzten Wochenende völlig k.o. liegen – und gäbe andererseits aber viel für einen Anflug von präseniler Bettflucht. Mehr als zwei Stunden später, um 7:00 h, dann der nächste Versuch: und dieses Mal schaffe ich es aus dem Bett. Ich könnte zwar weiterhin problemlos liegenbleiben, aber das Wetter soll gut werden – und ich möchte natürlich auch an diesem Wochenende wieder auf einem Gipfel stehen …

Spontane Tourenplanung

Für die ursprünglich geplante Tour auf den Kotzen ist es mittlerweile viel zu spät. Ich benötige also ein alternatives Ziel, was ich trotz meiner großen Müdigkeit erreichen kann. Ich entscheide mich für den Seebergkopf. Dort war ich zwar schon des öfteren, aber seit Jahren nehme ich mir vor, für eine schon längst veröffentlichte Tourenbeschreibung endlich mal ordentliche Fotos zu machen. Die knapp 750 Höhenmeter sind, wenn überhaupt, eher etwas für eine Halbtagestour – also genau das richtige für heute!?

Ist gleich der erste Rückblick auf Bayrischzell der schönste?

Immerhin werde ich nicht überholt

Als ich in Bayrischzell den Zug verlasse, ist es bereits zehn Uhr. Ungewohnt spät – und so ist das übrigen Publikum im Zug auch eher der Kategorie Spaziergänger und Ausflügler zuzuordnen. Sobald ich aber den Wanderparkplatz beim Minigolfplatz passiere, belebt auch der eine oder andere verspätete Bergwanderer die Szenerie. Ich mühe mich den eigentlich leicht zu gehenden Steig hinauf – es wird ein zäher Tag werden. Wenigstens überholt mich keiner. Aber das dürfte vor allem daran liegen, dass um diese Uhrzeit fast nur noch touristische Rentner bergwärts unterwegs sind.

Blick über die Almflächen zum massiven Miesing

Im Laufe der Zeit finde ich einen ganz guten Rhythmus und verlasse an den Flächen der Neuhütte endlich den bislang meist dichten Wald. Die letzten 300 Höhenmeter zum Gipfel ziehen sich heute wie Gummi, aber endlich bin ich oben. Geschafft. Und es ist gar nicht so viel los wie befürchtet: ich finde ein gemütliches Plätzchen und widme mich ausgiebig meiner Brotzeit. Für ein Nickerchen reicht es nicht, eine Horde von Kindern sorgt für Action. Die hätten mich sicherlich im Anstieg locker überholt …

Dank meines späten Starts ist am Seebergkopf nicht mehr so viel los

Was tun mit dem angefangenen Tag?

Während ich überlege, welchen Abstiegsweg ich wählen könnte, kommt mir eine gute Idee. Gleich neben dem Seebergkopf liegt die weglose, nur wenig niedriger Seebergschneid. Hin und wieder reicht der Mobilfunkempfang von Bayrischzell bis zu meinem Pausenplatz hinauf: allzu viele Informationen gibt es nicht, aber die spärlichen Tourenberichte lassen keine ernsthaften Hindernisse erwarten. Unerwartet tatendurstig packe ich zusammen und mache mich auf den Weg. Eine breite Schneise im Wald leitet mich zum Grat hinab. Hin und wieder finden sich dort sogar Steigspuren, die sich aber immer wieder zu verlaufen scheinen.

Im Hintergrund ist die Seebergschneid bereits zu erkennen

Nach einer Felsgruppe habe ich die Hälfte des Übergangs geschafft. Noch einmal rechts halten, den Grat queren – und wenig später stehe ich auf der Seebergschneid, die einem Balkon gleich sich etwas nach vorne über das Leitzachtal schiebt. Die Aussicht ist wenig überraschend nahezu identisch zum Seebergkopf, allerdings ist hier so gar nichts los. Und das Gipfelkreuz ist wohl im Neubau inbegriffen. Aus der alpinistischen Warte her betrachtet lohnt die Seebergschneid kaum einen Besuch, mir gefällt’s aber trotzdem: es macht mir einfach sehr viel Spaß, in vermeintlich bereits wohlerkundeten Gebieten doch noch etwas Neues zu entdecken. Und auch noch alles so spontan!

Die einsame Seebergschneid bekommt bald ein neues Gipfelkreuz

Abstieg durch die Wackbachklamm

Bei meiner spontanen Recherche auf dem Seebergkopf habe ich gelesen, dass man von der Seebergschneid weglos zur Seebergalm absteigen könne. Ich gehe also zurück zum eigentlichen Grat und schaue auf der anderen Seite in sehr steiles Gelände hinab. Die Stöcke liegen natürlich zu Hause – und so steige ich durch den immer wieder lichten Wald ohne weitere Hilfe ab. Im Zweifel weiche ich immer nach links aus, der Seebergalm entgegen. Alles geht gut, insgeheim bin ich froh, dass ich so etwas heute nicht zum ersten Mal mache. Ungefähr nach der Hälfte der geschätzten Strecke bis zum Rande der Almflächen erreiche ich eine langgezogene, diagonal Schneise. An ihrem Ende kann ich das Almgebäude erkennen – perfekt, so stelle ich mir das Improvisieren vor!

Licht- und Schattenspiele auf dem Weg in die Wackbachklamm

Der weitere Abstiegsweg zur Klarer Alm ist dann wohlbekannte Routine. Dort wähle ich der Abwechslung halber den Weg zur Wackbachklamm. Diese habe ich erst einmal besucht, fand vor ein paar Jahren den alten Steig entlang der Klamm aber sehr schön: heute ist die Gelegenheit für eine Wiederholung. Der Weg zieht sich ein wenig, bis ich endlich den Bach quere und der schönste Teil beginnen kann.

Eine der wenigen versicherten Passagen in der Wackbachklamm

Auch wenn es rechts meistens sehr steil abwärts geht, genieße ich den großartig angelegten Steig auf der Sonnenseite der Klamm. Es ist fast schon schade, dass ich doch schneller als gedacht das Ursprungtal erreiche. Der abschließende Weg nach Bayrischzell ist ein Hatscher erster Klasse. Also Kopf aus, Füße an. Glücklicherweise schneller als befürchtet kommt der kleine Ort in Sicht. Ich beschleunige meine Schritte, um den nächsten Zug noch zu erreichen. Zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges erreiche ich müde, aber zufrieden mit der kurzen Tour den Bahnsteig. Ein gutes Timing gehört dazu …

Bayrischzell mit Wendelstein – we call it a Klassiker!

Fazit

Improvisiert wie selten, aber letztlich doch überraschend schön war die heutige Tour: ein altbekannter Gipfel, ein Abstecher zur für mich neuen Seebergschneid, ein wenig Abenteuer im Abstieg zur Seebergalm, die schöne Wackbachklamm und auch die erhofften Fotos im Kasten – passt. Das abschließende, dringend nötige Schläfchen im Zug war dann natürlich die Kirsche auf der Torte!

Tourendatum: 3. Juli 2021

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