Berg-Ge(he)n

Wer will mit zum Kotzen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: es wollte keiner mit. Selbst nach einer kurzen Erklärung nicht: schließlich ist der Kotzen ein unbekannt gebliebener Berg im Vorkarwendel. Bei dem Namen ist die fehlende Beliebtheit aber auch kein Wunder …

Bergnamen verändern sich

Es gibt schöne, wohlklingende Bergnamen wie Sonnenspitze, selbsterklärende wie Grasberg oder solche, die wie der Monte Cristallo die Fantasie anregen. Nicht zu vergessen die zahlreichen Gipfelnamen, die auf Fauna und Flora hinweisen: wer kennt nicht ein paar Hirschberge, die es alleine im bayerischen Alpenraum gibt?

Aber nicht alle Bergnamen sind positiv: bei den Unnützen am Rande des Achensees kann man sich leicht vorstellen, dass sich die felsigen, abweisenden Flanken weder für Alm- noch Forstwirtschaft eignen. Für die Bergbauern war das Gelände natürlich nicht zu gebrauchen und somit im Wortsinne unnütz. Manche Berge sind sogar umbenannt worden: so war die Kellenspitze bis zur Sommerfrische einer preußischen Prinzessin und bayerischen Königin in den Tannheimer Bergen als Metzenarsch bekannt. Kein schmeichelhafter Namen, bezeichnet er doch das Hinterteil einer Sexarbeiterin. Der Überlieferung nach wurde der neue Name spontan erfunden, um gegenüber der königlichen Hochheit und erster bayerischer Bergsteigerin keine peinliche Situation bei der Erklärung des Gipfelpanoramas entstehen zu lassen …

Woher genau der Kotzen seinen Namen hat, bleibt weiterhin im Dunkeln – lädt aber natürlich zu einigen Wortspielen ein. Bemerkenswert an der Namenswahl ist jedoch vor allem, dass es nur wenige Kilometer weiter, nahe der Montscheinspitze und ebenfalls im Vorkarwendel, eine weitere Erhebung mit dem gleichen Namen gibt. Neben dem Namen weisen beide eine weitere Gemeinsamkeit auf: sie sind nahezu gleich hoch. Ein bisschen viel des Zufalls?

Einsamer Aufstieg

Wieder einmal steige ich frühmorgens in Fall aus dem Bus. Es ist frisch, aber auf dem weiten Weg über die asphaltierte Straße ins Dürrachtal laufe ich mich langsam warm. Die Kilometer schmelzen dahin, die erste Steigung am Rande der Dürrachklamm ist noch einfach. Danach heißt’s aufpassen und den Abzweig nicht verpassen: der Weg zum Kotzen ist nicht mehr im offiziellen Wegenetz enthalten und somit weder markiert noch beschildert. Interessanterweise ist am glücklicherweise leicht zu finden Einstieg zwar das Schild abmontiert worden, der metallene Pfahl jedoch stehengelassen worden. Bevor es endlich richtig bergwärts gehen kann, folgt ein kurzer Abstieg in Richtung Klamm, die ich auf einer relativ neuen Holzbrücke überquere.

Die Sonne erreicht so früh morgens den Klammboden noch nicht

Auf der anderen Seite beginnt nun der eigentliche Aufstieg zum Kotzen. Kehre über Kehre schraubt sich der Steig meist gemütlich in die Höhe. Zunächst dominieren noch die Laubbäume, spätestens als der Steig auf die Nordseite ausweicht, setzen sich die Nadelbäume immer mehr durch. Der Charakter der Steigs bleibt aber gleich: als sehr alter Zustieg zum Niederleger der Kotzenalm ist er geschickt angelegt worden, um den Auf- und Abtrieb des Viehs sicher bewerkstelligen zu können. Im meist dichten Wald gibt es allerdings keine Aussichtsfenster zu Orientierungspunkten – und so stehe ich irgendwann etwas überraschend am Rande der längst aufgegebenen Almflächen. Die letzten Ruinen des Almgebäudes sind noch zu erahnen, aber an den Wiesenrändern stehen schon längst wieder junge Bäume. Wie viele Jahre wird es wohl dauern, bis sich der Wald die Almfläche zurückgeholt haben wird?

Die ersten kleinen Bäumchen wachsen schon auf den Almwiesen

Kampf mit den Latschen

Der Weg verläuft sich auf den Wiesen, erst im oberen Teil bildet sich wieder ein Steig aus. Der ist nun etwas holpriger als der bisherige Anstieg und leitet mich bald durch Latschengassen auf die Ostseite des Kotzens. Die Aussicht ist nun schon ganz prima, immer wieder schaue ich zum erst zum vor wenigen Wochen besuchten Demeljoch hinüber. Bald werden die Latschen wieder weniger und ich erreiche sich quasi im Frühstadium befindliches Erosionsgelände: obwohl noch viele grasige Abschnitte vorhanden sind, bilden sich hier unübersehbar erste Rinnenansätze aus. Vor dem zentralen Einschnitt zweigen leichte Steigspuren ab, denen ich den steilen Hang hinauf folge. Die Spur wird bald dürftiger und verläuft sich schließlich. Und nachdem die Latschenzone darüber sehr geschlossen aussieht, sondiere ich das Gelände. Und tatsächlich, erspähe ich auf der anderen Seite eine Latschengasse, die mich zum Grat führen sollte. Vorsichtshalber versuche ich mir, die Lage der Durchschlüpfe gut einzuprägen – vor Ort sieht man ja vor lauter Latschen nichts mehr … Ohne größere Schwierigkeiten quere ich fast überall über meist erfreulich stabile Grasflächen und erreiche den geplanten Einstieg in die entdeckte Gasse auf der anderen Seite des Hanges. Sehr steil steige ich Meter für Meter auf, wie erhofft öffnen sich immer wieder die passenden Latschengassen. Läuft!

Ein kurzes Stück ohne Latschen – die Steilheit lässt sich nur erahnen

Ich bin sehr zufrieden, zumindest bis ich dann doch in einer Sackgasse stehe: eine Reihe niedriger Latschen versperrt mir den Weg, die ich bei der Planung möglicherweise wegen ihrer niedrigen Höhe nicht entdecken konnte? Wahrscheinlicher dürfte ich jedoch vom geplanten Weg abgekommen sein … Da bleibt jetzt nur noch eins: Augen zu und durch. Mit einigen Schrammen und Kratzern an den Schienbeinen geht’s wenig später wieder deutlich einfacher weiter. Einige Minuten später erreiche ich den Kamm und entdecke dort schmale Steigspuren. Ich vertraue mich ihnen an und stehe kurz darauf am einsamen Gipfelkreuz. Geschafft!

Das recht neue Gipfelkreuz ist schon nachgedunkelt

Wo, bitte, geht’s hier denn zum Abstiegsweg?

Die Gipfelpause auf einer Wiese etwas unterhalb des höchsten Punkts ist gemütlich – und sicherlich einer der einsamsten Orte in weitem Umkreis. Nicht einmal Alpendohlen wollen ihren Teil meiner Brotzeit abhaben. Als ich für einige Fotos zurück zum Gipfelkreuz gehe und auf meinen Anstiegsweg herunterschaue, ist eine kleinere Gruppe gerade im Aufstieg begriffen. Ich muss allerdings zweimal hinschauen: sie bleiben auf der ursprünglichen Seite, auf der sich weiter oben tatsächlich die Steigspuren fortsetzen. Da hätte ich mir mein kleines Abenteuer mit den Latschen wohl ersparen können!?

Wer genau hinschaut, erkennt den von mir verpassten Steig

Der Kotzen liegt recht zentral inmitten zahlreicher höherer Nachbarn. Zwar kann man über diese nur wenig hinwegsehen, aber dafür umso besser deren Aufbau studieren. Besonders imposant ist der nahe Schafreiter, dessen Gesteinsschichten aus diesem Blickwinkel sehr gut aufgeschlossen sind. Die Ansicht der von gewaltigen Kräften verbogenen Bänder finde ich immer wieder auf’s Neue faszinierend.

Breit, breiter, Schafreiter …

Für den Abstieg habe ich mir den Weg aus der Alpenvereinskarte ausgesucht, der vom Hochleger der Kotzenalm entlang der Flanke zurück zum Erosionsgelände führt. Aber dieser Steig ist gar nicht so leicht zu finden. Jedenfalls beginnt er nicht dort, wo es die Karte behauptet. Und so steige ich langsam wieder auf und halte Ausschau nach einer Gasse durch das dichte Latschengelände. Mit etwas Fantasie und viel Optimismus halte ich weniger später auf ein Grasband zu, das sich tatsächlich als der gesuchter Steig herausstellt.

Das war eindeutig mal ein guter Steig

Offenbar sehr selten begangen sind die Steigreste jedoch weitgehend in einem guten Zustand. Und so dauert es nur noch wenige Minuten, bis ich wieder am Rande des Erosionsgeländes stehe. Die Querung auf dieser Höhe fällt schwieriger als zuvor auf dem Hinweg fünfzig Höhenmeter weiter oben. Ich darf unfreiwilligerweise ein wenig improvisieren und meine Trittsicherheit unter Beweis stellen, da der alte Steig auf diesem langsam abrutschenden Abschnitt gar nicht mehr zu entdecken ist.

Die anstehende Querung wird unangenehm werden …

Die Baustellenampel ist weiterhin ein Ärgernis

Der weitere Abstiegsweg ist mir dann nicht nur bereits vom Hinweg bestens bekannt, sondern auch völlig unspektakulär – und nach dem langen Hatscher zurück nach Fall ist noch viel Zeit bis zur Abfahrt des Busses. Ich wende am Ortsrand von Fall die von Sina einige Wochen zuvor gelernte Taktik an – und sitze wenig später im Biergarten am gleichen, einzig freien Tisch wie damals und freue mich mal wieder über ein kühles Spezi. Vorsichtshalber breche ich pünktlich zur nahen Bushaltestelle auf, was sich abermals als unnötig herausstellt. Zwar muss ich nicht eine Stunde auf den Bus warten, aber über den Anschluss in Lenggries hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens … Wann wird die Baustelle auf der Brücke über den Sylvensteinspeicher endlich aufgehoben werden?

Fazit

Der breite Gipfelrücken des Kotzen besticht durch seinen unspektakulären Charakter und ist ein sehr einsames Gipfelziel. Die Aussicht reicht meist nur bis zum Nachbarberg, nicht nur bei eher diesigem Wetter wie bei meinem Besuch. Aber wer die Ruhe in den Bergen sucht, wird hier definitiv fündig. Ganz besonders ist der Kotzen aber eine klare Empfehlung für eingefleischte Gipfelsammler – und solche, die es werden wollen!

Tourendatum: 14. August 2021

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