Berg-Ge(he)n

Pitzenegg

Der Grat vom Pitzenegg zur Kohlbergspitze ist (für mich zu) schwierig

Der ganze Danielkamm, ganz im Süden der Ammergauer Alpen, ist vergleichsweise ähnlich: Die Gipfelhöhen unterscheiden sich nur wenig, die Abbrüche nach Norden sind so gut wie unzugänglich und die Anstiege von Süden zwar sehr kurz, aber umso steiler. Zwischen Kohlbergspitze im Westen und dem Gipfelpaar Upsspitze und Daniel im Osten habe ich alle der einfach erreichbaren Gipfel im Laufe der Jahre bestiegen? Alle? Nein, nur ein letzter Gipfel, das Pitzenegg, steht noch auf der Liste der unerreichten Ziele!

Steiler Aufstieg durch das Wiesental

Bei der langen Anfahrt ins Zwischentoren studiere ich mal wieder die Wettervorhersage: zwar ist vor allem für den Vormittag viel Sonne angekündigt, aber ab Mittags sollen Quellwolken aufziehen. Allerdings führt mich die morgendliche Zugfahrt durch ein recht nebliges Oberbayern. Wie so oft liegt erst das Werdenfelser Land hoch genug und die ersten Sonnenstrahlen setzen sich auf den Bergkämmen durch. Zwar wird es jetzt merklich heller, doch um die Gipfel wabern noch viele Wolken. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die heutige Tour zum Pitzenegg dann die richtige Entscheidung sein wird. Aber je länger die Fahrt ins Zwischentoren dauert, desto sonniger wird es. In Lähn verlasse ich schließlich den Zug bei bestem Wetter – und mache mich mal wieder auf den mir wohlbekannten Weg durch das Wiesental.

Die Sonne erreicht das Wiesental noch nicht - aber scheint immerhin!
Die Sonne erreicht das Wiesental noch nicht – aber scheint immerhin!

Bei meinen letzten Besuchen, die mich jeweils zur Hochschrutte geführt haben, war es Herbst. Ich merke schnell, dass ich heute zur falschen Jahreszeit unterwegs bin: meine Bergfitness im Juni kann mit der aus dem September und Oktober kaum mithalten. Der Anstieg ist anstrengender als gewohnt und ich komme ungewohnt langsam voran. So fühlt es sich zumindest heute an!

Wird wohl wieder mal Zeit für einen Friseurbesuch?
Wird wohl wieder mal Zeit für einen Friseurbesuch?

Unbekanntes Terrain ab dem Alpenrosenweg

Reichlich mühsam erreiche ich den Alpenrosenweg. Dieser mehr oder weniger höhengleich verlaufende Weg folgt dem ganzen Danielkamm und ist der Geheimtipp im Zwischentoren schlechthin. Gleichzeitig ist er eine wichtige Wegmarke: bis dort hin sind alle wichtigen Steige beschildert und markiert, die meisten Gipfelzustiege sind oberhalb des Alpenrosenwegs jedoch mehr oder weniger aufgegeben worden. Auch den Einstieg in den Steig zum Pitzenegg gilt es für mich erst zu entdecken. Immerhin ist mir das Gelände von den letzten Besuchen vertraut: vom Aufstieg ins Wiesjoch konnte ich zuletzt vor zwei Jahren die vermutlich problemlos gangbare Geländerippe studieren, die mich heute zum Pitzenegg leiten wird.

Das Pitzenegg kommt in den Blick
Das Pitzenegg kommt in den Blick

Weglos steige ich in meiner vermuteten Richtung an – und störe prompt einen Greifvogel bei seinem Mahl. Ein kleiner Hopser und er segelt mit reichlich Protestschreien und weit ausgebreiteten Flügeln über mich hinweg in Richtung Tal. Das Ganze geht so schnell vorüber, dass ich nicht einmal die Art nicht bestimmen konnte. Aber um die nun identifizierte Futterstelle mache ich einen großen Bogen, um zumindest beim zweiten Gang nicht mehr zu stören. Nach diesem eindrücklichen Erlebnis finde ich auch rasch Steigspuren, auf denen weiter aufsteigen kann. So ganz ohne Orientierungssinn geht’s aber dann doch nicht, denn auf grasigen Matten verlaufen sich die Spuren genauso oft und zuverlässig, wie ich sie später wiederfinde.

Ab jetzt wird's einfacher: immer dem Gratrücken nach!
Ab jetzt wird’s einfacher: immer dem Gratrücken nach!

Das Wetter wird schlechter

Oberhalb des Latschengürtels gibt’s aber keine Orientierungsherausforderungen mehr, ab jetzt ist die Richtung klar. Allerdings ist das grasige Gelände steil und ich froh, als ich den kurzen Gipfelgrat erreiche. Die letzten zwanzig Meter leiten mich hinüber zum höchsten Punkt, den kurioserweise eine kleine Wetterstation schmückt. Variatio delectat!

Das Pitzenegg überrascht mit einer anderen Art von Gipfelkreuz
Das Pitzenegg überrascht mit einer anderen Art von Gipfelkreuz

Mehr oder weniger mit mir sind zahlreiche Wolken am Gipfel angekommen. Zwar ziehen sie knapp über mich hinweg, aber es wird kalt und ungemütlich. Zwar gibt es hin und wieder auch sonnige Lücken, die zu Fotos einladen, aber letztlich fällt die Gipfelpause auf dem Pitzenegg recht kurz aus.

Tiefblick zu Heiterwanger und Plansee
Tiefblick zu Heiterwanger und Plansee

Ich packe also wieder zusammen und mache mich an den Abstieg. Dabei studieren ich noch den Einstieg in den Gratweg zum Wiesjoch, den ich auch heute nicht begehen werde. Dafür ist das Wetter einfach zu schlecht. Aber wie es immer so ist: je tiefer ich komme, desto mehr setzt sich noch einmal die Sonne durch. Dennoch scheinen die Quellwolken immer zahlreicher zu werden und zudem immer höher zu steigen – es wird Zeit, ins Tal zu kommen!

Der ostseitige Grat zum Daniel ist eine schöne Tour!
Der ostseitige Grat zum Daniel ist eine schöne Tour!

Schneller Abstieg

Zudem verrät ein Blick auf die Uhr: wenn ich mich beeile, bekomme ich noch einen früheren Zug in Lähn. Ich lege also den Turbo ein und sprinte die Geländerippe hinab. Das klappt erstaunlich gut, die Abstiegsmuskulatur ist deutlich fitter! Kurz vor dem Alpenrosenweg erreiche ich dann von einer einsehbaren Position aus die Futterstelle. Dieses Mal störe ich somit außer unzähligen Fliegen niemanden, aber viel ist vom Schaf auch nicht mehr übrig. Knochen liegen bereits 50 Meter entfernt vom zerfetzten Kadaver, und je näher ich komme, desto intensiver werden die blutigen Spuren. Kein appetitlicher Anblick – und mit einer (Lebens-) Erfahrung mehr suche ich schnell wieder das Weite.

Es wird Zeit, vom Berg zu verschwinden ...
Es wird Zeit, vom Berg zu verschwinden …

Der weitere Abstieg ins Zwischentoren zieht sich ein wenig mehr als ich dachte. Nachdem die Wolken auch immer dichter werden, gibt’s gar nicht so viel zu sehen. Immerhin ist der eine oder andere Blick hinüber zu Bleispitze und Gartnerwand noch drin. Viele Fotostopps lege ich allerdings nicht mehr ein – und so stehe ich überaus pünktlich am Bahnsteig am Lähn. Der Zug ist zwar weniger pünktlich als ich, bringt mich aber dennoch wenig später in Richtung Heimat. Und so sehe ich nur aus dem Zug, wie eine halbe Stunde später die ersten Gewitterschauer über die Ammergauer Alpen ziehen …

Fazit

Neben dem guten Gefühl, die Wetterentwicklung richtig beobachtet zu haben, bleibt’s dennoch ein weitgehend verhangener Bergtag im Danielkamm. Das Pitzenegg hat aber sein Potential als schöner Aussichtsgipfel immer wieder durchblitzen lassen – ich komme noch einmal wieder!

Tourendatum: 11. Juni 2023

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