Berg-Ge(he)n

Überschreitung der Bleispitze

Blick von der Bleispitze in die Lechtaler Alpen

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr steige ich in Lähn morgens aus dem Zug. Nachdem ich zwei Monate zuvor das Pitzenegg im Danielkamm bestiegen habe, nehme ich heute den Weg über das Gartnerjoch zur Bleispitze auf der genau gegenüberliegenden Talseite unter die Füße. Für den Abstieg habe ich mir die steile Gratwanderung über das Mähbergjoch vorgenommen. Diese ist in den meisten Karten nicht mehr verzeichnet und auf Markierungen sollte man auch nicht hoffen. Ich bin gespannt, was mich erwartet!

Forststraßenmonotonie

Die Bleispitze ist ein sehr markanter Grasgipfel, den die meisten Autofahrer auf der Fernpassbundesstraße schon einmal wahrgenommen haben dürften. Der Bergfuß reicht besonders nah ans Tal heran und der pyramidenartige Gipfel erscheint besonders in südlicher Fahrtrichtung als formschöner Blickfang. Für eine recht direkte Besteigung aus dem Tal bedeutet das aber vor allem eines: es wird steil werden. Dabei erleichtern mir auf den ersten 500 Höhenmetern zahlreiche Forststraßen den Aufstieg. Deren Rampen scheinen zwar nicht enden zu wollen, aber die gleichmäßige Steigung hilft mir beim Warmlaufen.

Um ganz ehrlich zu sein: spannend sind die ersten 500 Höhenmeter nicht
Um ganz ehrlich zu sein: spannend sind die ersten 500 Höhenmeter nicht

Steiler Anstieg zum Gartnerjoch

Sobald die Fahrwege enden und der einsame Steig zum Gartnerjoch beginnt, wird’s auch endlich ruhiger. Der Steig zieht nämlich um eine kleine Rippe herum und schirmt mich vom monotonen Rauschen des Verkehrs auf der Fernpassstraße ab. Nun fühlt sich die Tour auch als richtige Bergunternehmung an, denn das Gelände ist steil, die Wiesen leider erodiert, der Steig kräftezehrend und somit jeder Schritt anstrengend. Endlich!

Lähn und der Lärm der Fernpassbundesstraße bleiben langsam zurück
Lähn und der Lärm der Fernpassbundesstraße bleiben langsam zurück

Dennoch bleibt’s natürlich ein zäher Aufstieg. Das spätsommerliche Gras steht darüber hinaus recht hoch, so dass ich auch ein wenig aufpassen muss, die Trittstufen nicht zu verpassen. Zum Ausgleich wird die Aussicht immer besser und an einer Diensthütte liegt das Gröbste bereits hinter mir.

Es ist steiler, als es aussieht
Es ist steiler, als es aussieht

Da ich bereits vor einigen Jahren hier einmal unterwegs war, weiß ich, dass das Gartnerjoch einen noch schöneren Pausenplatz abgibt. Ich steige also noch hundert Meter über gar nicht mehr so steile Wiesen weiter an. Ein kurzer Abstecher nach rechts – und schon habe ich meinen Brotzeitplatz mit bester Aussicht über das Zwischentoren erreicht. Aber nicht nur der Tiefblick lohnt, auch der gegenüberliegende Danielkamm zeigt sich in allen Details von der Kohlbergspitze im Westen bis zu Upsspitze und Daniel im Osten.

Auf den letzten Metern zum Gartner Joch
Auf den letzten Metern zum Gartner Joch

Gratwanderung zur Bleispitze

Vom Gartnerjoch kann ich die Bleispitze bereits ausgiebig studieren. Von ihr trennt mich nur noch eine wunderschöne, halbkreisförmige Gratwanderung, auf die mich sehr freue. Zwar ist der erste Aufschwung in meiner Erinnerung anstrengend, aber dann beginnt das Vergnügen!

Inmitten satter Sommerfarben zeigt sich zum ersten Mal die Bleispitze
Inmitten satter Sommerfarben zeigt sich zum ersten Mal die Bleispitze

Es ist immer schön, wenn das Gedächtnis gut funktioniert. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass die grasige Steilstufe im Laufe der letzten Jahre etwas flacher geworden wäre. Aber es ist, wie es ist – und wenige Minuten später stehe ich am Grat. Hier zeigt sich auch zum ersten Mal die mächtige Gartnerwand.

Angenehme Gratwanderung im Angesicht der gewaltigen Gartnerwand
Angenehme Gratwanderung im Angesicht der gewaltigen Gartnerwand

Über den Grat führen auch gute Steigspuren, die sich dann aber auf der Weide am Fuß des finalen Aufschwungs zur Bleispitze verlaufen. Die Botanik steht hier in voller, sommerlicher Pracht und reicht mir oft bis über die Knie. Das ist sehr lästig, aber natürlich auch kein Hindernis mehr. Kurze Zeit später erreiche ich den vom Sommerbergjöchle kommenden Steig und in der Folge die aussichtsreiche Bleispitze. Zwar sind die umliegenden Gipfel wie Gartnerwand, Roter Stein, Thaneller und auf der anderen Talseite der Danielkamm allesamt höher, dennoch spitzen einige weitere Gipfel dazwischen durch. Kontrastiert wird der Aussicht natürlich vom grandiosen Tiefblick ins Zwischentoren.

Vom Pitzenegg bis zum Daniel - alle sind sie da!
Vom Pitzenegg bis zum Daniel – alle sind sie da!

Übler Abstieg über das Mähbergjoch

Meine Gipfelpause fällt kürzer aus als gewohnt. Denn ein ungleiches Paar aus älterer Dame mit deutlich jüngerer, männlicher Begleitung vermutet am östlichen Horizont den Watzmann. Ich hoffe inbrünstig, dass die Erdkrümmung in Zusammenspiel mit Wetterstein und Karwendel dies verhindert. Oder fällt gerade der Erdkreis in sich zusammen und ein Trümmerstück mit den Berchtesgadener Alpen hebt bereits ab? Nachdem das Licht bekanntlich schneller ist als der Schall, müsste man dieses physikalische Ereignis wohl bald auch endlich hören. Da aber auch nach mehreren Minuten keine weiteren Indizien auf den bevorstehenden Weltuntergang hindeuten, verlasse ich den Ort grauenvoller geographischer Orientierung und mache mich beruhigt an den Abstieg.

Vom Watzmann ist natürlich keine Spur zu sehen!

Der unmittelbare Abstieg vom Gipfel der Bleispitze sieht zwar sehr steil aus, lässt sich aber überraschend gut begehen, wobei Stöcke natürlich gute Dienste leisten. Der folgende, leicht geschwungene Abschnitt bietet dann Berggenuß vom feinsten: links und rechts geht’s ordentlich abwärts, die Steigspur gut und der kleine, felsige Aufschwung zum Mähbergjoch eine willkommene Abwechslung.

Der Grat ist wunderbar geschwungen - Zeit für den Abstieg!
Der Grat ist wunderbar geschwungen – Zeit für den Abstieg!

Jenseits des Mähbergjochs wird’s allerdings zäh. Unter dem Gras in den steilen Wiesenhängen verbirgt sich hin und wieder feuchter Batz, der fantastische, aber unsichtbare Rutschbahnen bildet. Eine davon nehme ich auch gleich mit, die anderen entdecke ich im letzten Moment. Zudem werden die Steigspuren immer dürftiger, das Gras immer höher und ich folge oft geknickten Grashalmen und immer öfter meinem Gespür. Umso mehr freue ich mich, wenn ich bestätigende Steigspuren entdecke.

Rückblick vom Mähbergjoch zur Bleispitze
Rückblick vom Mähbergjoch zur Bleispitze

Und dann kommt’s, wie kommen muss: am Rande der im Wald gelegenen Lawinenverbauung verliere ich endgültig den Steig – oder was auch immer davon übrige ist. Ich entscheide mich für den Abstieg über die steile Wiese am Waldrand und kämpfe mich durch die immer höher stehende Botanik. Mit kurzer Hose ist das ein bald an beiden Beinen prickelndes und juckendes Vergnügen. Ich glaube, es wird Zeit, dass hier endlich mal wieder eine Schafherde vorbei schaut!

Die schönen Blicke sind im steilen Gelände kaum zu genießen
Die schönen Blicke sind im steilen Gelände kaum zu genießen

Auslaufen zum Bahnhof in Bichlbach

Ich bin heilfroh, als ich endlich auf einem Fahrweg oberhalb des kleinen Weilers Bichlbächle stehe. Es tut gut, nicht mehr auf jeden einzelnen Schritt achten zu müssen und die Stöcke wegpacken zu können. Noch ein letzter Blick hinauf zur Bleispitze und dann mache ich mich an den weiten Weg zum Bahnhof in Bichlbach. Die Asphaltstraße ist natürlich wenig spannend, aber jenseits von Kleinstockach kann ich auf einen parallel zur Straße verlaufenden Weg abbiegen. Am Ortsrand von Bichlbach endet der schattenspendende Wald und ich der nachmittäglichen Hitze darf ich jetzt noch das Dorf durchqueren. Wie gut, dass es in der Dorfmitte einen Brunnen und somit Abkühlung für mich gibt. Noch ein Blick hinauf zur Kohlbergspitze und dann geht’s auch schon wieder mit dem ausnahmsweise nicht ganz pünktlichen Zug zurück.

Eine kleine Sonnenterrasse bietet Platz für wenige Höfe
Eine kleine Sonnenterrasse bietet Platz für wenige Höfe

Fazit

Die Überschreitung der Bleispitze auf einsamen Wegen hat sich als eine sehr lohnende Unternehmung mit einem Hauch von Abenteuer herausgestellt. Empfehlenswert erscheint mir im Nachgang aber eine Durchführung im Frühjahr oder Herbst, wenn die Gräser am Mähbergjoch vielleicht nicht ganz so hoch stehen.

Tourendatum: 18. August 2023

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert