Berg-Ge(he)n

Spannung am Steinfalk

Auf meinen Touren ins Karwendel habe ich schon oft zur beeindruckenden Falkengruppe hinübergeschaut: gerade die beiden höchsten Gipfel, Risser Falk und Laliderer Falk, sind mit ihren imposanten Strukturen von allen Seiten ein wahrer Blickfang – und leider ohne Kletterei nicht zu erreichen. Glücklicherweise gibt es mit dem Steinfalk einen deutlich einfacher zugänglichen Gipfel, den ich schon lange einmal besuchen wollte.

Sprint zur Falkenhütte

An Werktagen bringt der Bergsteigerbus in die Eng einen kleinen Nachteil mit sich: er fährt zwar, aber leider nur zwei Mal am Tag. Und die Vormittagsfahrt beginnt in Lenggries erst gegen Viertel nach Zehn, also reichlich spät für längere Bergtouren, wie beispielsweise zum Steinfalk. Glücklicherweise liegt die Falkenhütte, der Name gibt ja bereits den entscheidenden Hinweis, sehr günstig am Rande der Falkengruppe: mit einer Übernachtung in der gerade erst sanierten Hütte wird die Tour problemlos möglich. Nach einem Blick auf die Wettervorhersage entscheide ich mich, bereits am ersten Tag den Steinfalk zu besuchen. Das bedeutet zwar einen etwas strafferen Zeitplan, aber ich möchte natürlich am besser vorhergesagten Tag den Gipfel erreichen. Um Viertel nach Elf verlasse ich den Bus am Eingang des Laliderer Tals – und mache mich gleich auf den Weg: spätestens gegen zwei Uhr sollte ich die Falkenhütte passieren, sonst wird’s zeitlich etwas zu knapp …

Nach den ersten Metern im kühlen Wald erreiche ich bald eine Fahrstraße, die angenehm ins Laliderer Tal hineinführt: perfekt, um ein zügiges Tempo einzuschlagen! Ich komme also rasch voran, während links das Gamsjoch und rechts die steilen Abstürze der Falkengruppe vorbeiziehen. Der Weg ist mit einsam noch belebt umschrieben: auf mehreren Kilometern entdecke ich nur ein älteres Paar, aber vielleicht bin ich auch wegen der grandiosen Bergkulisse etwas unaufmerksam: die gewaltigen Laliderer Wände im Talschluss kommen immer näher. Mir fällt es zunehmend schwerer, woanders hinzuschauen!

Ein paar Kilometer sind’s schon bis zu den Laliderer Wänden

Nach einer kurzen Trinkpause an der Kapelle der Laliderer Alm beginne ich den ersten nennenswerten Aufstieg. In weiten Kehren zieht sich ein guter Steig aus dem Talboden hinauf zum Spielissjoch. Die Aussicht wird dabei mit jedem Schritt besser, aber ausnahmsweise faszinieren mich weniger die Berge und Gipfel als die gleichmäßigen Wegemuster am Fuß der Laliderer Wände.

Mit dem Baggerlineal wurde der Fahrweg ins Hohljoch angelegt

Nach diesem für mich ungewöhnlichen Fotostopp schultere ich wieder meinen Rucksack und steige weiter an. Bald schon wird das Gelände flacher und die Falkenhütte kommt in Sicht. Ein Blick auf die Uhr: ich bin gut in der Zeit. Da ich mich noch recht fit fühle, verschiebe ich meine Pause auf später und mache mich gleich auf den Weg in Richtung Steinfalk. Ich umgehe das Ladizköpfl auf der linken Seite und spare mir ein paar Höhenmeter. Zumindest rede ich mir das ein, denn so ganz eben stellt sich der hin und wieder etwas schlammige Weg nun auch nicht dar. In der Einschartung zwischen Ladizköpfl und dem Mahnkopf entdecke ich wenig später einen geeigneten Pausenplatz mit Aussicht. So langsam ist es auch Zeit zu regenerieren und neue Kraft zu schöpfen – der anstrengendste Teil des Tages steht mir schließlich noch bevor.

Einer meiner Lieblingsblicke im Karwendel: der Hochalmsattel

Abgründe auf dem Weg zum Steinfalk

Frisch gestärkt mache ich mich wieder auf den Weg. Erneut umgehe ich den nächsten Gipfel: dem Mahnkopf möchte ich erst am nächsten Morgen einen Besuch abstatten. Dieses Mal lohnt sich die Umgehung, denn der Steig verläuft zumindest zwischenzeitlich angenehm gleichmäßig. Jenseits des Mahnkopfs geht es natürlich doch wieder aufwärts und mein Tempo wird etwas langsamer. Zwar muss ich hin und wieder eine kurze Verschnaufpause einlegen, doch ich ärgere mich gar nicht darüber, sondern freue mich über das großartige Panorama.

Das Gamsjoch ist ähnlich geneigt wie der Steinfalk

Mit jedem Höhenmeter wird die zunächst weite Wiesenfläche nun gleichmäßig schmaler: links und rechts geht es zunehmend steil abwärts. Der Steig ist noch einfach, erreicht aber spätestens an einem gewaltigen Erosionsabbruch alpines Gelände. Der Steig führt direkt an der Kante vorbei – ich kann natürlich nicht widerstehen und mache mal wieder eine kurze Fotopause.

Es ist schwer, nicht in den Abgrund zu schauen

Eine Kuppe später gehen wieder zahlreiche Höhenmeter verloren: der Steig umgeht einen Nebengipfel. Ständige Begleiter bleiben ab jetzt die Abgründe auf meiner linken Seite, an die ich mich nur langsam gewöhne. Schließlich erreiche ich eine kleine Kraxelstelle, die ich schnell und problemlos bewältige: ich freue mich, dass die Einser-Stelle, von der ich gelesen habe, beim späteren Abstieg sehr sicher und auch mit Stöcken in der Hand problemlos bewältigen werde. Eigentlich kann es jetzt nur einfacher werden, denke ich mir im Stillen. Und liege daneben, wie ich in den folgenden Minuten erfahren werde.

Das Gelände wird in der Folge zwar nicht unbedingt steil, aber immer schwieriger zu begehen. Ich erreiche eine mit fein geriebenem Schutt zu einer bröseligen Rutschbahn gewordenen Rinne – und steige lieber parallel über splittrige Schrofen ein paar Meter an, bevor ich dann doch zur nun immerhin flacheren Rutschbahn herüberwechseln muss. Die folgende Querung ist dann wieder bequemer, an deren Ende ich mich vor einer überschaubar hohen, aber ziemlich steilen Felswand wiederfinde: offensichtlich war die bereits absolvierte Kraxelstelle noch nicht die Kraxelstelle. Ich steige problemlos hoch, empfinde die Stelle jedoch eher als Zweier statt als Einser. Wie auch immer die exakte Schwierigkeitseinschätzung nun auch sein mag, so versuche ich doch lieber mir für den Abstieg, die Griffe und Tritte einzuprägen: zwar erreicht die Passage nicht die Senkrechte, scheint jedoch von oben kaum einsehbar zu sein. Und tatsächlich ist der Ausstieg eher abrupt. Immerhin folgt jetzt wieder sehr schönes, fast schon idyllisches Gehgelände bis an den Fuß des Gipfelaufbaus.

Zum Gipfel selbst geht es über die rechte Seite: ein kleiner, oft rutschiger Steig führt zwischen Fels und abfallendem Gelände aufwärts, die letzten Meter sind dann wieder leichte Kraxelei. Wenigstens ist der Fels griffig, ein paar Tritte mehr wären gelegentlich hilfreich – und dann stehe ich auf dem höchsten Punkt! Der Gipfel ist bereits verwaist, ich bin der letzte Besucher an diesem Tag. Das ist insofern ganz praktisch, da der Gipfel nicht besonders geräumig ist. Etwas trinken und essen, ein paar Fotos – so richtig erholsam fällt die eher kurze Pause nicht aus: ich habe durchaus Respekt vor dem Abstieg und möchte mir für diesen genügend Zeit nehmen können.

Der Gratverlauf zum Risser Falk ist verlockend, aber (für mich zu) schwierig

Nervenflattern beim einsamen Abstieg

Noch ein großer Schluck aus der Wasserflasche, dann geht’s an den langen Abstieg: Alle Schwierigkeiten wollen jetzt in umgekehrter Reihenfolge bewältigt werden: die Gipfel-Kraxeleien sind schnell abgehakt, der rutschige Steig stellt sich als unproblematisch heraus – schnell stehe ich wieder auf dem schönen Absatz unterhalb des Gipfelaufbaus. Die Kletterei rückt also immer näher und mein Puls steigt schon einige Meter vor ihr deutlich an. Wie erwartet gestaltet sich der Überblick von oben schwierig, aber ich bin ja gut vorbereitet: der Einstieg gelingt auf Anhieb, der nächste Tritt ist auch dort, wo ich ihn erwarte, wie von alleine finden die Hände die Griffe … Höchstens eine halbe Minute später stehe ich wohlbehalten am Wandfuß – und muss erst mal eine Pulsberuhigungspause machen und gut durchatmen. Ich bin sehr froh über meine Bouldererfahrung, ohne die ich sicherlich nicht so einfach hier hinabgeklettert wäre: ein wenig Bestätigung für die eigenen Fähigkeiten tut hin und wieder ganz gut!

Ein letzter Blick zurück, die schlimmsten Passagen sind vorbei

Nach der Kletterei folgen bald die bröseligen Passagen, ich packe also meine Stöcke aus und mache mich auf den Weg zur Rutschbahn. Ich finde glücklicherweise immer verdichtete Absätze, so dass ich relativ stabil zur Ausweichmöglichkeit über die Schrofen komme. Die fallen im Abstieg etwas schwieriger aus, der splittrige Untergrund ist, nicht zuletzt wegen der Tiefblicke, nicht ganz ohne: die Psyche läuft zumindest bei mir an solchen Passagen immer mit. Der einfache, aber ausgesetzte Steig ist dann nur noch Routine, die folgende Gegensteigung dafür umso giftiger. Wenig später passiere ich die markante Erosionsrinne – und bin damit endgültig wieder im einfachen Gehgelände angekommen. Jetzt kann nichts mehr passieren, geschafft!

Im sanften Abendlicht zeigt sich die Falkengruppe besonders harmonisch

Übernachtung in der generalsanierten Hütte

Bis zur Falkenhütte liegt aber noch etwas Wegstrecke vor mir: ich umgehe erneut den lockenden Mahnkopf und passiere meinen mittäglichen Pausenplatz. Etwas kurzentschlossen entscheide ich mich, dieses Mal über das Ladizköpfl zu gehen: dort schaue ich ein letztes Mal auf’s Handy, denn auf der Falkenhütte gibt’s keinen nennenswerten Mobilfunkempfang mehr. Ich mache noch ein paar Fotos von der so nahen wie imposanten Herzogkante – und dann geht’s auch schon runter zur Falkenhütte. Pünktlich um 18:00 bin ich dort, die Zeitplanung ist perfekt aufgegangen!

Die mächtige Herzogkante, unter der man die Falkenhütte suchen muss

Etwas müde einchecken, Rucksack ins Lager bringen, Waschsachen schnappen: ich gönne mir die lange Duschzeit und sitze wenig später zum Abendessen in der Stube. Ein Halbpensionsangebot gibt’s leider nicht, so dass ich mich nicht wie sonst überraschen lassen kann, sondern a la carte essen muss und darf. Für eine Alpenvereinshütte ist die Speisekarte etwas gewöhnungsbedürftig: je nach Interpretation erscheint sie in Anlehnung an eine Apres-Ski-Hütte oder doch städtisch geprägt erstellt worden zu sein? Aber Schnitzel mit Pommes hatte ich schon lange nicht mehr – und warum auch nicht? Die Portion ist jedenfalls groß und lecker. Wenig später beschließe ich auch schon den Abend und falle satt und müde auf mein Lager: wegen der Coronaeinschränkungen habe ich eine ganze Ecke für mich alleine und somit ungewohnt viel Platz. Erstaunlich gut erholt wache ich morgens ohne Wecker auf und darf mich als einer der ersten über das sehr gute Frühstücksbuffet freuen. Auch in der Gesamtbetrachtung hat mir die vorbildlich sanierte Hütte sehr gut gefallen und ich kann sie für Hüttentouren nur wärmstens weiterempfehlen!

Morgens zeigt sich die Falkenhütte von ihrer sicherlich schönsten Seite!

Morgenstimmung am Mahnkopf

Ein frühes Frühstück bedeutet auch einen frühen Start. Vor allen anderen verlasse ich die Hütte und mache mich auf den Weg zum bisher ausgelassenen Mahnkopf. Wie bereits gestern umrunde ich das Ladizköpfl, heute jedoch auf der rechten Seite. Kurz vor dem Sattel zum Mahnkopf entdecke ich eine Gams, die es sich in der Morgensonne gemütlich gemacht hat. Die Kamera habe ich schnell in der Hand, gehe noch einen Schritt nach vorne – und entdecke noch zwei weitere Gemsen. Einen Schritt weiter zeigt sich dann gleich ein ganzes Rudel, das sich leider von ein paar unruhigen Tieren mitreißen lässt und Reiß aus nimmt.

Kaum da, schon sind die Gemsen wieder weg

Nach der schönen Begegnung mit den Gemsen steige ich zum Mahnkopf hinauf. Wie schon vermutet bin ich offenbar als erster an diesem Morgen unterwegs, denn ich entdecke lange Zeit niemanden: und tatsächlich liegt wenig später der Gipfel einsam vor mir. Durch den morgendlichen Tau steige ich die letzten Meter hinauf zum blumenübersäten höchsten Punkt. Hier wäre ein Besuch im Mai und Juni noch schöner, aber auch im beginnenden Herbst gibt es einige schöne Blüten. Ich finde sogar ein taubesetztes Edelweiß!

Morgendlicher Tau auf einem Edelweiß am Mahnkopf

Neben den vielen Blumen lohnt sich der Besuch des Mahnkopfs aber vor allem für den schönen Rundumblick: im Norden der gestern besuchte Steinfalk, im Westen geht der Blick bis zur Soierngruppe und zur Nördlichen Karwendelkette, im Osten zeigt sich natürlich das markante Gamsjoch. So schön die Berge im Umkreis auch sind – gegen die gewaltigen Laliderer Wände wirken sie dann aber fast schon bescheiden.

Morgenstimmung auf meinem einsamen Weg zum Mahnkopf

Gemütlicher Abstieg in die Eng

Bald ziehen die angekündigten Wolkenfelder durch und ich mache mich auf den Rückweg. Zurück im Sattel gehe ich erneut über das Ladizköpfl: ein letztes Mal möchte ich von diesem schönen Aussichtshügel den direkten Blick auf die nahen Laliderer Wände und zum Hochalmsattel genießen. Aber die Schleierwolken werden immer dichter – und ich bin froh, bereits gestern den Steinfalk besucht zu haben.

Die Schleierwolken werden immer mehr – die Wettervorhersage trifft heute zu

Wenige Minuten später stehe ich wieder neben der Falkenhütte. Der eine oder andere Übernachtungsgast trägt gerade sein Gepäck aus der Hütte. Wenn sie wüssten, was für eine schöne Morgenstimmung sie verpasst haben, würden sie bei der nächsten Hüttentour sicherlich etwas früher aufstehen. Aber ich will mich nicht beklagen, die Einsamkeit am Mahnkopf ist für mich ja auch ein gewisser Wert gewesen. Wie auch immer, bestens gelaunt mache ich mich an den Abstieg ins Spielissjoch. Dort beginnt ein schöner Steig hinüber zum Hohljoch, der mich direkt unterhalb der Laliderer Wände entlang führt. Zwar sehe ich vom Steig nicht allzu weit in die Wände hinauf, dennoch wirken die steilen Felsen auf eine ganz andere Art und Weise: es ist kühl, fast schon frisch, die Sonne scheint ganz weit weg zu sein und der eine oder andere Felsbrocken zeugt von Blitzschlägen und Frostabsprengungen.

Die Falkenhütte liegt im oberen Teil des gestuften Spielissjochs

Im Hohljoch begegnen mir die ersten Tagesausflügler. Sicherlich wollen viele hinüber zur Falkenhütte, denn einfache Wanderziele gibt es hier ansonsten kaum welche. Entgegen des geringen, aber beständigen Stroms mache ich mich nun an den Abstieg in Richtung Eng: der angedachte Abstecher auf den Teufelskopf passt leider nicht mehr in meinen Zeitplan. Und so erreiche ich ganz entspannt schließlich das reichlich touristisch geprägte Almdorf Eng. Zahlreiche zumeist sehr alte Bergahorne säumen den Fahrweg zum Großparkplatz und der dortigen Bushaltestelle – die Zivilisation hat mich endgültig wieder.

Das Almdorf Eng wird an Wochenenden überrannt, heute ist es eine Idylle

Fazit

Die Tour auf den Steinfalk war nicht ganz einfach, hat mir aber gerade deshalb sehr gut gefallen. Weiterempfehlen kann ich sie schon, auch wenn sie nicht für jeden geeignet erscheint: alpine Erfahrung ist empfehlenswert. Im Gegensatz dazu kann ich eine Übernachtung auf der Falkenhütte uneingeschränkt empfehlen. Die Hütte ist auf dem neuesten Stand, machte auf mich aber weiterhin einen gemütlichen Eindruck – ob mit oder ohne Gipfelabstecher: hier kann man sich wohlfühlen!

Tourendatum: 6. und 7. September 2021

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