Berg-Ge(he)n

Erster Schnee am Gamsjoch

Die gewaltige Fernsicht reicht im Osten bis zum Alpenhauptkamm

Die Tour auf den Kofel liegt bereits einige Tage zurück, die Knieschmerzen haben auch schon nachgelassen. Leider ist die Wettervorhersage für das nächste Wochenende mehr oder weniger perfekt – wider besseren Wissens muss ich das schöne Wetter einfach nutzen. Mit dem Gamsjoch wähle ich einen steilen Gipfel, Kniebeschwerden hin oder her!

Tirols steilster Forstweg wartet

Am vorletzten Betriebstag des Bergsteigerbusses in die Eng in diesem Jahr steige ich also mal wieder sehr früh morgens in den Zug nach Lenggries. Der Anschluss passt – und noch vor halb neun stehe ich auf dem eiskalten Parkplatz in der Eng: die hohen Gipfel im Osten schatten im Herbst den berühmten Ahornboden morgens lange ab. Zügig mache ich mich daher auf den Weg zum Gamsjoch, das ich vor zwei Jahren schon einmal bestiegen habe. Damals war die Tour sehr anstrengend: völlig außer Form habe ich den Gipfel zwar erreichen können, genießen konnte ich den Tag allerdings kaum. Heute wird hoffentlich alles anders – wenn das Knie hält …

Die Sonne kommt raus, es wird endlich wärmer
Die Sonne kommt raus, es wird endlich wärmer

Der direkte Weg ins Gumpenjöchl führt gleich zu Beginn über einen vorsichtig formuliert steilen Fahrweg. Hier muss man schon durchaus aufpassen, keine Steine loszutreten und ohne Serpentinen geht hier kaum jemand hinauf. Ich kenne keinen steileren Weg – und bin froh, als der Forstweg endlich endet und ein Steig weiter ins Tal hineinführt. Die Steigungen sind jetzt moderat, aber der Untergrund besteht nun aus tiefem Schutt, der glücklicherweise oft festgetreten ist. Anstrengend ist’s dennoch, aber auch diese Passage endet bald an einer Verengung zwischen dem Bachlauf und umliegenden Felswänden. Hier habe ich mich vor zwei Jahren fast verstiegen, heute weiß ich, dass es hier direkt am Bach weitergeht, den man an einer geeigneten Stelle überquert.

Es wird weniger steil - aber es bleiben noch viele Höhenmeter übrig
Es wird weniger steil – aber es bleiben noch viele Höhenmeter übrig

Auf der anderen Seite setzt ein Steig weiter fort, der heute allerdings noch überfroren und somit stellenweise sehr glatt ist. Mit jedem Schritt komme ich aber nun endgültig der Sonne näher, die den oberen Teil des abschnittsweise erodierten Hangs bereits erfolgreich in rutschigen Matsch verwandelt hat. Sobald ich den querenden, vom Hohljoch herkommenden Steig erreiche, wird mein Anstieg endlich leichter. Zum Ausgleich meldet sich zwar langsam mein Knie, aber noch geht’s gut aufwärts.

Der Blick öffnet sich immer weiter, hier ins östliche Karwendel
Der Blick öffnet sich immer weiter, hier ins östliche Karwendel

Eisiger Wind ab dem Gumpenjöchl

Die erste Pause habe ich im Gumpenjöchl eingeplant: dieser Geländesattel bietet genügend Platz, liegt etwa 500 Höhenmeter unterhalb des Gamsjochs und ist somit ein guter Rastplatz vor der letzten Etappe. Was sich auf dem Papier erst einmal gut anhört, fällt heute ein wenig anders aus als gedacht. Ein scharfer, kalter Wind weht durch das Jöchl – da fällt meine Pause extra kurz aus. Bevor ich dann weitergehe, ziehe ich mich erst einmal wärmer an. Auch nicht ganz alltäglich im Anstieg!

Erste Schneeberührung im Gumpenjöchl
Erste Schneeberührung im Gumpenjöchl

Schnee am Gamsjoch

Der Gipfelanstieg selbst fällt dann allerdings wie erhofft aus: die leichte Kraxelstelle ist trocken und ich erreiche relativ zügig die nach Südwesten geneigte, gleichmäßige Flanke. Hier liegt auch schon der erste Schnee, der gnädigerweise die allgegenwärtigen Steinsplitter und den feinen Schutt zusammenhält. Am Westgipfel liegen dann sogar etwa 10 cm Schnee, die mich jeden Gedanken an den Besuch des geringfügig höheren Mittelgipfel berauben. Dafür geht’s einfach auf beiden Seiten zu steil abwärts: ein Ausrutscher wäre bei den Bedingungen fatal.

Der Übergang zum Hauptgipfel ist heute nichts für schwache Nerven
Der Übergang zum Hauptgipfel ist heute nichts für schwache Nerven

Aber das macht alles nichts, denn die Aussicht ist an diesem perfekten Herbsttag einfach nur großartig! In den Täler zeigen sich noch die Herbstfarben, der Winter hat die Gipfel aber schon erreicht. Ich kann mich kaum sattsehen und bleibe mehr als eine Stunde trotz kalten Winds auf dem Gamsjoch.

Der Wow-Effekt am Gipfel ist kaum zu toppen!
Der Wow-Effekt am Gipfel ist kaum zu toppen!

Langsamer Abstieg ins Hohljoch

Irgendwann wird’s dann aber doch zu kalt und ich packe zusammen. Noch ein Schluck warmen Tee und dann geht’s an den langen Abstieg zurück in die Eng. Die Sonne hat unterdessen ganze Arbeit geleistet und schmilzt den Schnee auf der Bergflanke. Ich habe Glück und die wenigen geringfügig ausgesetzten Stellen werden noch vom Schmelzwasser verschont und sind weiterhin trocken. Allerdings werde ich immer langsamer, denn die Kniebeschwerden nehmen zu. Das war zu befürchten, auch wenn ich natürlich gehofft habe, dass es erst weiter unten schlechter gehen würde.

Unterwegs genau zum Wechsel der Jahreszeiten
Unterwegs genau zum Wechsel der Jahreszeiten

Dennoch bin ich im Gumpenjöchl ganz gut in der Zeit. Wenn ich jetzt auf dem Aufstiegsweg absteigen könnte, würde ich sogar den frühen Bus noch erreichen. Das möchte ich jedoch meinem Knie nicht zumuten, sondern wähle lieber den langen, aber recht flachen Weg über das Hohljoch. Das ist insofern ganz praktisch, dass es dort zahlreiche Fotomotive gibt. Jede noch so kurze Gehpause zählt!

Die Falkenhütte bekommt noch ein wenig Sonne ab
Die Falkenhütte bekommt noch ein wenig Sonne ab

Es wird immer zäher …

Auch im Hohljoch ist genügend Zeit für einige Fotos. Besonders gut gefallen mir natürlich die gewaltigen Laliderer Wände – aber auch der Blick hinüber zur Falkenhütte, in der ich einige Wochen zuvor noch übernachtet habe, hat es mir natürlich angetan. Irgendwann habe ich alle Fotos gemacht und, es nützt ja alles nichts, beginne den finalen Abstieg in die Eng.

Licht- und Schattendreiecke im Ostteil der Laliderer Wände
Licht- und Schattendreiecke im Ostteil der Laliderer Wände

Um es kurz zu machen: es zieht sich und die Kniebeschwerden werden immer stärker. Schließlich schleiche ich fast den einfachen Steig abwärts – und bin mehr als froh, als ich endlich den Wald verlasse und über die Eng sehen kann. Jetzt dauert’s nicht mehr lange, vielleicht noch fünfzig Höhenmeter …

Können Knie aufatmen oder erleichtert sein?
Können Knie aufatmen oder erleichtert sein?

Trotz meines langsamen Abstiegs vom Gamsjoch bleibt im Großen Ahornboden noch genügend Zeit, die berühmten Bergahorne zu fotografieren. In diesem Jahr ist die herbstliche Blattfärbung noch nicht nicht allzu weit vorangeschritten, aber schön ist’s trotzdem. Ein Geheimtipp ist der Herbst im Großen Ahornboden natürlich schon lange nicht mehr – immerhin kann ja auch mit dem Auto fast direkt zu den Bäumen fahren! – so dass sich an den schönsten Fotospots sogar kleine Warteschlangen bilden.

Das Ziel unzähliger Fotografen und Touristen ...
Das Ziel unzähliger Fotografen und Touristen …

Auch wenn das Gehen im flachen Gelände recht gut funktioniert, bin ich froh, wenig später im Bus zurück nach Lenggries sitzen zu können. Endlich ausruhen!

Fazit

So schnell werde ich keine Bergtour mehr unternehmen: mein Knie braucht dringend eine längere Pause. Aber so wie die Schmerzen in den Folgetagen täglich nachlassen, so setzen sich die positiven Aspekte der Tour letztlich durch. Die grandiose Aussicht vom Gamsjoch, viele wunderschöne Bilder vom Wechsel der Jahreszeiten und ein grandioser Abschluss des Bergjahres werden mir noch lange in Erinnerung bleiben!

Tourendatum: 9. Oktober 2021

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