Berg-Ge(he)n

Über den Kompar zum Plumsjoch

Der Grasbergkamm wird durch den Grasbergsattel in zwei Abschnitte unterteilt. Während ich im westlichen Teil bereits mehrmals und zuletzt vor knapp einem Jahr unterwegs gewesen bin, habe ich den östlichen Teil bisher nicht besucht. Gleich am ersten Tag meines Sommerurlaubs ergibt sich eine passende Gelegenheit, das zu ändern!

Zurück am Grasbergkamm

Endlich Urlaub! Die letzten Wochen waren dann doch etwas anstrengend gewesen: das viele Ab und wenig Auf im beruflichen Alltag war zuletzt nicht ganz angenehm. Vielleicht hat auch der bisher ausgefallene Sommer und die damit verbundenen wenigen Bergtouren dazu beigetragen. Nun habe ich aber vier Wochen frei – und hoffe natürlich auf einen sonnigen Spätsommer und viele Touren!

Wie Anfang des Jahres geplant, habe ich zuletzt einige Touren im Vorkarwendel gehen können. Diese hatten jedoch alle eine Gemeinsamkeit: ich bin jedes Mal in Fall am Sylvensteinspeicher gestartet. Der Hintergrund ist überraschend naheliegend, denn für eine Einreise nach Tirol hätte ich in den letzten Wochen einen aktuellen Coronatest vorweisen müssen. Das wäre zwar nicht weiter tragisch gewesen, bedeutet aber einfach am Vortag einen lästigen Mehraufwand. Heute liegt meine zweite Coronaimpfung aber bereits 16 Tage zurück – und endlich mit dem Impfzertifikat im Gepäck rücken nun auch die bereits in Tirol gelegenen Haltestellen des Bergsteigerbus in Richtung Eng wieder in meine Reichweite. Zum ersten Mal seit 11 Monaten verlasse ich nicht nur Bayern, sondern auch Deutschland und starte in aller Frühe an der Kreuzbrücke im Rißtal meine heutige Tour.

Das erste Blickfenster im meist dichten Wald zum Grasbergkamm

Ich folge zunächst dem Weg, den ich im Vorjahr im Abstieg begangen habe. Vor langer Zeit muss das einmal ein vernünftiger Fahrweg gewesen sein, der sich aber auch in diesem Jahr sehr holprig zeigt. Dennoch ist die moderate Steigung ganz nach meinem Geschmack. Kehre um Kehre steige ich hinauf – und freue mich, als es flacher wird. Weniger zur Erholung, vielmehr bleibt nun der Wald zurück und ich kann auf den Flächen der Grasbergalm erstmals die Sonne und die Aussicht zur Falkengruppe genießen. Eine Trinkpause ist natürlich auch drin.

Das schnurgerade Laliderer Tal führt schnörkellos zu den Laliderer Wänden

Den Weg zur Eiskönigspitze gibt’s nicht mehr

Etwas matschig – der bisherige Sommer war nun einmal sehr regnerisch! – quere ich den Sattel und beginne den Anstieg in Richtung Kompar. Überraschend lange orientiert sich der Steig über die Wiesen – und taucht dann doch in die Latschengassen ein. Bald schon erreiche ich mit den Kesselböden eine eher flache Passage. Da bleibt genügend Zeit, die Flanke mit dem alten Steig zur Eiskönigspitze zu studieren. Bei der Tourenvorbereitung hatte ich in Karten diesen Steig entdeckt – aber bei aktuellen Beschreibungen schnell festgestellt, dass dieser Steig nicht mehr begehbar sein dürfte. Weite Teile scheinen aber noch intakt zu sein, die auf gleicher Höhe verlaufenden Latschengassen sind gut zu erkennen. Schaut an und für sich ganz gut aus, wäre da nicht ein Teil des Berges vor einigen Jahren unübersehbar abgerutscht. Der Steig ist dort unterbrochen und Wegealternativen scheinen in dem sehr steilen Gelände rar zu sein.

Ein letzter Rückblick über die Grasbergalm

Wenig überraschend ist auch der alte Abzweig des Steigs zur Eiskönigspitze bereits so gut wie zugewachsen. Möglicherweise war der Steig sowieso selten begangen? Ich werde es heute jedenfalls nicht mehr herausfinden und steige durch Latschengassen weiter dem Kompar entgegen. Sobald die Latschen weniger werden, hält der Steig zunächst die Höhe. Das Schnarren vom anderen Ende einer steil abfallenden Passage kann ich zunächst nicht einordnen – sehe wenig später aber ein halbes Dutzend Gämse. Freundlicherweise bleiben zwei Gämsen stehen, besonders ein junges Tier macht auf mich einen sehr neugierigen Eindruck. Genug Zeit, die Kamera aus dem Rucksack zu holen!

Trittsicher – und zu schnell für die gewählte Belichtungszeit …

Auf dem Kompar – und über dem Abgrund

Wenig später beginnt bereits der Gipfelanstieg. Genau an der Grenze zwischen Latschen und Wiesen steige ich steil bergan. Es fühlt sich überraschend anstrengend an, glücklicherweise sind es nur 100 Höhenmeter. Und dann stehe ich auf dem Gipfelgrat, der für mich völlig überraschend auf der Nordseite äußerst steil abfällt. Die mir gut bekannte Ansicht der gemütlichen Südflanke ist also nicht alles … Dennoch mache ich es mir am Gipfel gemütlich – der fast schon überhängende Fels mit dem improvisierten Gipfelkreuz wird schon noch einen Tag halten! – und genieße die umwerfende Aussicht ins Karwendel. Direkt gegenüber liegt das dreigipfelige Gamsjoch, das ich in diesem Jahr unbedingt noch einmal besteigen möchte. Mal schauen, ob’s klappen wird – wenn der Sommer so weiter geht, wird’s schwierig …

Ein Gipfel schöner als der nächste … Karwendel eben!

Nach meiner Brotzeit packe ich auch schon langsam wieder zusammen: es wird immer voller und es kommen weitere Gipfelbesucher vor allem vom Plumsjochsattel her zum Gipfel hinauf. Immer dem Gegenverkehr nach finde ich den abkürzenden Steig rasch, der in die nächste Einsattelung führt. Die im Kammverlauf folgenden Erhebung, der kurioserweise Satteljoch heißt, nehme ich natürlich mit. Diese entpuppt sich als weiter Wiesenrücken ohne klaren Gipfel. Die Aussicht von dort ist dank der weitgehend fehlenden Latschen umfassend und der Blick in Richtung Großer Ahornboden und zur Eng gefällt mir. Aber nicht nur mir, denn auch zwei junge Damen posen hier gerade für ihre neue Instastory vor dem Tiefblick zum Großen Ahornboden.

Weit unten im Tal die Eng mit dem Großen Ahornboden

Andenken an Sylvia

Nachdem es für den Abstieg zur Plumsjochhütte noch etwas früh ist, beschließe ich, mindestens bis zum Plumsjoch weiterzugehen. Allerdings klappt das Improvisieren nicht so gut wie erwartet, ich steige dafür weiter ab als erhofft. Bei der anschließenden Steigung hinauf zum Plumsjoch merke ich, wie schlecht meine Kondition in diesem angeblichen Sommer geworden ist. Aber dann stehe ich auf dem letzten Gipfel des heutigen Tages: die Mondscheinspitze lacht mich zwar an, aber für diese komme ich lieber ein anderes Mal wieder vorbei.

So gut wie keine Sonne auf der Mondscheinspitze, wen wundert’s?

Die Stimmung am Plumsjoch ist dennoch bestens: ein bereits etwas älterer Herr mit zahlreichen Tattoos auf allen sichtbaren Körperteilen hat mit Sylvia auch einen Namen auf sein Bein tätowieren lassen. Bereitwillig gibt er der versammelten Bergsteigergemeinde die begehrte Auskunft: es handele sich bei Sylvia um seine unerreichbare Traumfrau, seine aktuelle Flamme wäre von diesem Tattoo allerdings nicht begeistert gewesen, sondern hätte eine Entfernung vorgeschlagen. Aber ein richtiger Mann stehe zu seiner Traumfrau und deshalb habe er den Namen nur angedeutet durchstreichen lassen … Sachen gibt’s, von denen ich dachte, die gäbe es nur im Internet … 😀

Ohne Fotobeweis bleibt’s nur eine Geschichte aus dem Internet

Rasanter Abstieg

Ich bin mir sehr unsicher, wie lange ich für den mir noch unbekannten Abstieg zu den Haglhütten benötigen werde. Andererseits mag ich am Plumsjoch noch etwas bleiben, vielleicht setzt die Sonne ja doch noch die Mondscheinspitze in Szene? Irgendwann muss ich aber doch die Kamera einpacken und den spätestmöglichen Abstieg beginnen, der noch eine Chance auf den frühen Bus verspricht. Zunächst auf dem vom Anstieg bekannten Weg erreiche ich nach wenigen Minuten unbekanntes Gelände. Aber der Steig ist gut und schnell erreiche ich die gut besuchte Plumsjochhütte. Die vielen Gäste vereiteln mein Wunschfoto – die Sonne steht sowieso am frühen Nachmittag nicht so optimal dafür. Ich werde also noch einmal an einem anderen Tag vorbeikommen oder am besten in der urigen Hütte mal übernachten müssen.

Die Plumsjochhütte ist ein beliebtes und bekanntes Fotomotiv

Der anschließende Steig in Richtung ist für Fahrräder gesperrt, aber das hält die deutschen Mountainbiker natürlich nicht ab. Ein wenig wundert es mich schon, dass hier kein Tiroler Gesetzeshüter ganz entspannt die Gemeindekassa füllt, es würde sich jedenfalls mehr als lohnen. Dennoch komme ich auf dem schmalen Steig zügig voran und werde voraussichtlich pünktlich an der Bushaltestelle ankommen. Tatsächlich bin ich ein paar Minuten zu früh im Talboden, bis ich mich im pünktlichen Bus wenig später endlich ausruhen darf.

Fazit

Ein schöner Start in den Urlaub! Leider wurde das Wetter in den folgenden Tagen deutlich schlechter, so dass ich im Nachhinein doch noch gerne zur Mondscheinspitze hätte weitergehen sollen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben …

Tourendatum: 21.08.2021

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