Berg-Ge(he)n

Bergurlaub 2020 im Gadertal

Kaum ist die Bergsaison 2019 vorbei, beginne ich bereits mit der Planung des nächsten Sommerurlaubs. Traditionellerweise wird mich dieser wie jedes Jahr nach Südtirol führen, für das Jahr 2020 fällt die Wahl auf das Gadertal. Die Auswahl eines Quartiers ist zunächst gar nicht so einfach, gelingt dann aber doch problemlos. In den folgenden Monaten bleibt es aber Dank der bereits seit Juli wieder steigenden Corona-Zahlen spannend, ob es nicht doch noch zu gravierenden Einschränkungen kommen könnte …

Ist das Gadertal nicht viel zu überlaufen?

Ja, ich bevorzuge ruhigere Täler. Und natürlich ist Ende August, Anfang September in einem der touristischen Hotspots Südtirols erwartungsgemäß noch sehr viel los. Ich bin auf auf Staus, vergleichsweise teure Quartiere, überquellende Parkplätze und aus allen Nähten platzende Hütten eingestellt – trotzdem fahre ich in diesem Jahr aus zwei Gründen gerne ins Gadertal:

  1. Das Gadertal ist der beste Ausgangspunkt, die sagenumwobene Fanesgruppe endlich kennenzulernen.
  2. Touristische Zentren wie das Gadertal ziehen erfahrungsgemäß nur wenig gehfreudiges Publikum an – meist bleibt es rund um die etwas abgelegeneren oder unbekannteren Gipfel angenehm ruhig.
Nachmittagsstimmung in der Fanesgruppe

1. Woche, Les Pizades

Unterkunft

Der Ferienbauernhof Les Pizades liegt im hintersten Winkel des südöstlichen Arms des Gadertals außerhalb der Siedlungsbereiche zwischen Armentarola und dem Valparolapass. Im völlig neu errichteten Gebäude leben nicht nur Sabine und Otto samt Nachwuchs, sondern haben in den oberen Etagen auch fünf nach umliegenden Gipfeln benannte Ferienwohnungen Platz gefunden. Die Einrichtung ist technisch am Puls der Zeit und darüber hinaus auch optisch sehr ansprechend. Besonders praktisch ist der angebotene Brötchenservice: ich finde es sehr bequem, morgens die frischen Vinschgerl für die Bergtour nur noch in den Rucksack packen zu müssen!

Im Aufstieg zum Monte Sief geht der Blick zur Sella

Touren

Von der Ferienwohnung in Les Pizades lassen sich gleich zwei Berggebiete in der Fanesgruppe erkunden. Fußläufig zu erreichen sind die in Sciare beginnenden Wege in Richtung Groß Fanes und somit der höchsten Gipfeln der Fanesgruppe. Einen ganz anderen Charakter haben die Touren im südlichen, sanfteren Teil dieses Teils der Dolomiten, die ihren Ausgangspunkt am Valparola- oder dem benachbarten Falzaregopass haben. Hier findet sich zwar auch die eine oder andere Felswand, aber die Gipfelhöhen fallen deutlich niedriger aus. Stattdessen überwiegen Wiesen und sanfte Neigungen und verwöhnen das Auge.

  • Den ersten eigentlichen Urlaubstag verbringe ich mit der kurzen Tour zum Hexenstein. Allerdings ziehen schon morgens erste Wolken auf, das Gipfelpanorama bleibt somit etwas übersichtlich. Zurück am Ausgangspunkt ist noch etwas Zeit für die lohnende Erkundung der Goiginger-Stellungen. Insbesondere die Wegführung durch den alten Kriegsstollen ist spannend! Dabei hält sich das Wetter den ganzen Tag akkurat an die Vorhersage: sobald ich mittags wieder im Auto sitze, fängt es pünktlich zu regnen an.
  • Am Folgetag bessert sich das Wetter etwas, es soll erst ab dem späteren Nachmittag regnen. Aber auch für diese Wetterlage gibt es eine passende Tour: dem Hexenstein direkt gegenüber steige ich entlang des Kaiserjägersteigs an teilweise noch gut erhaltenen Resten der österreichischen Weltkriegsstellungen vorbei auf den Kleinen Lagazuoi. Dieser auch mit der Seilbahn vom Falzaregopass erreichbare Gipfel ist für sein Panorama berühmt – aber nicht an diesem Tag. Beim Abstieg durch den wirklich langen, von den italienischen Alpini während der Kriegsjahre erbauten Tunnel ist mir dann sowohl die fehlende Aussicht als auch die aktuelle Wetterlage jedoch völlig unwichtig. Zurück im Tageslicht zeigt sich am Falzaregopass aber immerhin noch einmal kurz die Sonne.
  • Der Col di Lana und der benachbarte Monte Sief sind die südlichsten Gipfel der Fanesgruppe und stumme Zeugen des Gebirgskriegs in den Dolomiten. Die Krater des Minenkriegs sind nicht besonders ansehnlich, ich freue mich mehr über das den ganzen Tag faszinierende Panorama – vor allem an der nahen Marmolata kann ich mich kaum sattsehen.
  • Allzu viele Dreitausender gibt es in der Fanesgruppe nicht, genauer gesagt sind es drei. Natürlich möchte ich mindestens einen davon während des Urlaubs besteigen: meine Wahl fällt auf die Lavarelaspitze. Der Weg auf deren Gipfel ist zwar weit, lohnt aber: abwechslungsreiche Landschaften und ein umfangreiches Panorama wiegen die Mühen mehr als auf.
  • Nach den anstrengenden Touren der Vortage macht sich meine müde Muskulatur bemerkbar. Das ist aber kein Grund, bei schönem Wetter kein Bergziel anzusteuern: ich wähle mit dem Setsas eine kürzere Tour aus. Auf dem Weg vom Valparolapass zum felsigen Gipfel bleibt es dabei noch sehr einsam. Ich steige vom Gipfel zunächst zur Pralongià ab, wo der Bär steppt – was für ein Kontrast! Nachmittags sind die vielen Ausflügler aber bereits wieder auf dem Weg zur Seilbahn, ich genieße auf dem Rückweg zur Ferienwohnung erneut die Bergstille.
Die Conturinesspitze erhebt sich direkt über dem Gadertal

2. Woche, Colhof

Unterkunft

Der kleine Ort St. Vigil liegt in einem Seitental des Gadertals, dem Enneberger Tal, und ist insbesondere im Winter ein beliebtes Urlaubsziel. Kurz vor dem Ortseingang liegt mit dem Colhof ein kleiner Hof an den steilen Hängen, in dem Familie Ties eine einzige Ferienwohnung anbietet. Diese ist überraschend geräumig, aber durchaus gemütlich eingerichtet. Dank zweier Balkone könnte man von morgens bis abends in der Sonne sitzen – aber bei gutem Wetter habe ich natürlich anderes vor! Nur drei Gehminuten vom Hof entfernt ist eine Bushaltestelle, von der aus morgens die Busse ins Rautal. Dieses trennt die Fanesgruppe von den Pragser Dolomiten. Insbesondere von dem im Talschluss gelegenen und beliebten Ausgangspunkt Pederü sind zahlreiche Touren aller Schwierigkeitsgrade möglich.

Vom Lavinores bietet sich ein faszinierender Tiefblick ins Rautal

Touren

  • Nach ein paar regenreichen Tagen rund um den Quartierwechsel führt mich die erste Tour in Enneberg auf den Piz da Peres. Obwohl es während der Tour trocken bleibt, kann sich die Sonne aber zu keiner Zeit gegen die vielen dichten Wolkenschichten durchsetzen. Mir fällt es somit schwer zu beurteilen, ob die theoretische Aussicht vom Gipfel die Mühen wert ist. Definitiv gelohnt hat sich jedoch die Einkehr in der Ücia Picio Pre: die Schokoladentorte schmeckt und der Tee wärmt.
  • Am Folgetag fahre ich mit dem Bus erstmals nach Pederü. Den ganzen Tag über ziehen immer wieder Wolken durch, es bleibt im Wind teils sehr kalt. Dennoch gefällt mir die Tour zum einsamen Lavinores außerordentlich gut: die Steige und Wege sind angenehm einfach, die Aussicht trotz der Wolken gut, aber vor allem auf eine unbeschreibbare Weise stimmungsvoll.
  • Auf der Anfahrt zum Würzjoch liegt noch dichter Morgennebel über dem Gadertal. Kurz vor dem Parkplatz kommt aber die Sonne raus: bei bestem Wetter mache ich mich auf den Weg zum Peitlerkofel. Allerdings habe ich etwas Pech: als ich am Gipfel ankomme, sind bereits zahlreiche Wolken aufgezogen und es wird empfindlich kalt. Aber bereits im Abstieg kommt die Sonne wieder raus und ich genieße den aussichtsreichen Rückweg zum Würzjoch.
  • Am letzte Tag des Urlaubs im Gadertal läuft das Wetter noch einmal zur Hochform auf: strahlender Sonnenschein, stahlblauer Himmel, selbst in den Höhenlagen angenehme Temperaturen. Nach der Busfahrt nach Pederü steige ich zur Klein Fanes und weiter zum Antoniusjoch auf. Nach dem wunderbaren Abstecher zur Antoniusspitze folgt der lange Abstieg zurück nach St. Vigil, der mit dem abendlichen Abstecher zum Crusc da Rit noch ein zweites Mal Gipfelgefühle mit sich bringt. Erst nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich die Ferienwohnung – was für eine lange, aber überaus schöne Tour!
An der Ütia da Rit

Fazit

Mir haben die zwei Wochen im Gadertal sehr gut gefallen. Es hat sich bewährt, die Unterkünfte in dieser beliebten Tourismusregion außerhalb der oft überlaufenen Ortschaften auszuwählen. Aber auch das Wetter hat mitgespielt: neun sehr abwechslungsreiche Bergtouren sprechen für sich. Von einfachen Bergwanderungen über leichte Klettersteige bis hin zu knackigen Bergtouren ist dabei vor allem in der Fanesgruppe für jeden Geschmack etwas dabei.
Der eine oder andere Gipfel ist für mich noch offen: ich werde gerne wieder ins Gadertal fahren!

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