Berg-Ge(he)n

Lavinores

Nach dem wolkenverhangenen Vortag soll es heute endlich sonniger werden. Mit dem Bus fahre ich durch das lange Rautal nach Pederü und freue mich auf den Lavinores: dieser recht niedrige und eher unbekannte Gipfel liegt günstig inmitten der Dolomiten und verspricht laut Karte eine abwechslungsreiche Rundumsicht. Tourenbeschreibungen gibt’s nur wenige, ich lasse mich einfach überraschen, was der Tag bringen wird.

Aufstieg auf Militärstraßen

Mit zügig ist die Busfahrt nach Pederü noch nett umschrieben. Etwas durchgeschüttelt verlasse ich den Bus an der Endstation – und stehe inmitten eines beeindruckenden Kessels, dessen Wände fast überall aus steilen Felswänden bestehen. Rasch entdecke ich den geplanten Aufstiegsweg: in steilen, betonierten Rampen zieht sich ein schmaler Fahrweg eine dieser Felswände hinauf. Schön ist etwas anderes, zumal sich auch die Morgensonne noch etwas bitten lässt, aber ich gewinne auf dieser erst vor etwa 60 Jahren errichteten Militärstraße rasch an Höhe. Bald tauchen auch Steige auf, die die eine oder andere Kehre des Betonwegs abkürzen helfen. Aber auch der steilste Anstieg endet einmal und bald lehnt sich das Gelände deutlich zurück.

Im gemütlichen Teil des Anstiegs zum Almdorf Fodara Vedla

Am Rande der Senneshochfläche steige ich auf einem gemütlichen Steig weiter hinauf zum Almdorf rund um die Schutzhütte Fodara Vedla. Dort kommen mir in rascher Folge zahlreiche Gruppen von mal mehr, mal weniger motivierten Gestalten entgegen: der bereits absolvierte erste Tag auf dem Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 ist dem einen oder anderen noch gut anzusehen. Oder liegt’s doch am ausgiebigen, feucht-fröhlichen Hüttenabend auf der Sennesalm? Ich frage lieber nicht nach.

Wolken umspielen die umliegenden Gipfel

Einsame Steige

Vom Rande des Almdorfs kann ich nun erstmals den Gipfel meines Tagesziels ausmachen: recht massiv zeigt der Lavinores seine steile und felsige Nordflanke. Ein kleiner Steig nähert sich der Flanke an, die ich dann über immer wieder schuttreiche, aber leichte zu passierende Hänge quere. Dabei wird die Aussicht immer besser, denn auf der linken Seite taucht zwischen den letzten Kiefern der Seekofel auf. Allerdings ziehen immer noch dichte Wolken um die höheren Gipfel der Nachbarschaft: die Hohe Gaissl werde ich den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen.

Die Wolken hängen den ganzen Tag an der Hohen Gaissl fest

Schon fast auf der Ostseite des Bergs angekommen dreht der Steig endlich nach rechts und ich erreiche einen weiten Geländeabsatz mit einem tollen Blick nach Süden, hinab nach Cortina d’Ampezzo. Dort endet die Bewölkung, die südlichen Dolomiten werden heute von allerbestem Bergwetter verwöhnt. Ein wenig neidisch bin ich schon, denn beim finalen Aufstieg zum Gipfel weht ein unangenehmer Wind über die Kante. Ich weiche also in die grasige Südflanke aus und erreiche weglos, aber einfach den höchsten Punkt des Lavinores.

Tiefblick ins Rautal

Eiskalter Wind am Gipfel

Am Gipfel ist es einsam – und sehr, sehr kalt. Ich suche mir einen windgeschützten Platz und ziehe mich wärmer an. In der Sonne ist es wenigstens auszuhalten, aber hin und wieder treibt der Wind ein Wolkenband vorbei. Gelegentlich stehe ich auf und mache rasch ein paar Fotos vom umfassenden Gipfelpanorama. Leider dauert es auf diese Weise recht lange, bis ich mit allen Motiven zufrieden bin: nicht immer passen die Licht- und Wolkenverhältnisse und meine Finger werden viel zu schnell klamm.

Der Seekofel zeigt von Süden als breites Massiv

Selten habe ich mich so auf den Abstieg gefreut, bei dem mir schnell wieder warm wird. Sobald ich am Geländeabsatz die windige Gratkante endgültig verlasse, ist auch der kalte Wind pas­sé. Mit jedem Abstiegsmeter wird es angenehmer und im Almdorf zeigt sich der Bergsommer bald wieder von seiner schönsten Seite.

Spätsommer im Almdorf Fodara Vedla

Abstecher zur Senneshütte

Ich beschließe, noch der Senneshütte einen Besuch abzustatten. Im Anstieg scheint noch die Sonne, aber je näher ich der Hütte komme, desto mehr Wolken ziehen auf. Aber der Apfelstrudel auf der Hütte schmeckt und der Blick über die angrenzende Landepiste ist ungewohnt, aber durchaus interessant: in den Sechzigerjahren wurden nicht nur die Fahrwege der Region, sondern auch dieser winzige Feldflugplatz von den Pionieren des italienischen Militärs angelegt. Vermutlich ein teurer Spaß, den nur wenige Jahre später dürfte durch die ausreichende Verfügbarkeit von Transporthubschraubern die gesamte Anlage bereits obsolet geworden sein.

Bereits wolkenverhangener Rückblick von der Senneshütte zum Lavinores

Während des recht kurzen Abstiegs nach Pederü werden die Wolken immer dichter und dunkler, aber es bleibt glücklicherweise trocken. Am Berggasthaus ist einiges los, der Parkplatz mit Autos und Bussen völlig überfüllt. Die meisten Besucher sind ganz entspannt – nicht jedoch eine sächsische Reisegruppe: ein älterer Herr mit gelber Jacke ist noch nicht eingetroffen. Die Ehefrau macht sich bereits nach drei Minuten Wartezeit ernsthafte Sorgen und nötigt in wirren Worten einen lediglich italienischsprachigen Drohnenpiloten zu einem Erkundungsflug. Die Idee ist gut, der Pilot packt aber nach kurzer Zeit ohne jegliche Sichtung seine Drohne wieder ein. Glücklicherweise kommt in dem Moment der Vermisste um die Ecke. Die Herzlichkeit, mit der ihn seine Frau in die Arme schließt, scheint ihn allerdings etwas zu befremden …

Fazit

Der Lavinores ist ein unspektakulärer Berg, die Tour auf seinen Gipfel habe ich als besonders schön in Erinnerung. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum das eigentlich so ist. Ob dafür letztlich die schönen Aussichten, die Einfachheit der Wege, das angenehm wechselhafte Wetter oder eine Mischung von allem ausschlaggebend waren? Es war jedenfalls ein wunderbarer, entspannter Bergtag!

Tourendatum: 1. September 2020

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