Berg-Ge(he)n

Kleiner Lagazuoi

Über den Kaiserjägersteig wurden im Gebirgskrieg die österreichischen Stellungen auf dem Kleinen Lagazuoi versorgt. Der Steig ist hundert Jahre später nicht mehr im Originalzustand, sondern wurde zwischenzeitlich nach heutigen Erfordernissen versichert. An der Einschätzung der Schwierigkeit scheiden sich aber die Geister: falls es überhaupt ein Klettersteig ist, wie schwer ist er? Vorsichtshalber habe ich die Klettersteigausrüstung eingepackt …

Zunächst begleitet die Sonne den Aufstieg

Wie am Vortag bei der Tour auf und um den Hexenstein fahre ich morgens mit dem Auto auf den Valparolapass. Heute ist der Parkplatz neben dem Fort Tre Sassi noch sehr leer und ich freue mich, noch vor der großen Masse in den Aufstieg gehen zu können. Da es noch sehr frisch ist, trödele ich am Auto nicht lange rum und bin rasch abmarschbereit.

Der benachbarte Hexenstein bleibt den gesamten Tag im Blick

Parallel zum Hexenstein auf der anderen Straßenseite steige ich an der Bergflanke auf. Die Steigung ist zunächst gemütlich und ich erreiche ohne jegliche Mühen die Vonbank-Stellung. Diese ist noch gut zu erkennen, zahlreich vorhandene Schützengräben erinnern an den Dolomitenkrieg. Hier kommt auch der Weg vom Falzaregopass hinzu und ich beginne den eigentlichen Aufstieg zum Kleinen Lagazuoi. In zahlreichen Kehren, die ich gestern bereits vom Hexenstein gut erkennen konnte, zieht sich der Steig über eine Schutthalde an den Felsen heran. Am Fuß einer Passage mit hölzernen Stufen nutze ich diese gute Gelegenheit, mein Klettersteigset anzulegen. Jetzt bin ich gespannt, welche Schwierigkeitseinschätzung zutreffen wird!

Der Kaiserjägersteig ist ein sehr leichter Klettersteig

Ich kraxele die Holzstufen hinauf und erreiche einen Felsriegel mit Bank, die ich gleich zu einer unfreiwilligen Pause nutze, während der ich einige Absteigende passieren lasse. Dann geht’s aber endlich los: nach der Hängebrücke beginnt eine versicherte Passage, die ausgesetzt über ein schmales Band leitet. An der Schlüsselstelle ist ein Teil des Bandes weggebrochen, ich steige gut versichert bedenkenlos darüber hinweg. Der Anstieg wird danach auch wieder einfach und nach wenigen weiteren, teils versicherten Höhenmeter ist der meiner Einschätzung nach so einfache wie kurze Klettersteig (A/B) bereits absolviert.

Die kurze Klettersteigpassage beginnt

Der weitere Aufstieg gestaltet sich abwechslungsreich: ich folge nun wieder einem gut gangbaren Steig erneut an den Fuß einer Felswand. Der Steig führt dort geschickt und nun nicht mehr ausgesetzt ein schräges Band hinauf – ich darf hin und wieder auch eine Hand an den Fels legen. Im oberen Bereich werde ich etwas überrascht: der Steig wendet sich nicht unmittelbar zur nur noch wenige Meter entfernten Felskante, sondern verläuft zumeist als nun gemütlicher Gehweg ziemlich flach nach Nordwesten. Ich folge dem gebahnten Weg, der einige Ecken später ohne weiteren Anstieg die Kammhöhe erreicht.

Das Panorama fällt den Wolken zum Opfer

Auf leichten Wegen folge ich der Kammlinie nun hinauf zum Gipfelkreuz. Dort ist für die relativ frühe Uhrzeit bereits viel los, zahlreiche Seilbahntouristen sind schon längst da. Besonders glücklich sehen die meisten allerdings nicht aus: die mittlerweile zahlreichen Wolken lassen nur selten Lücken, der berühmte Aussichtsberg ist an diesem Tag das Geld für die Seilbahn kaum wert. Ich finde das zwar auch schade, aber habe mit dem Kaiserjägersteig bereits ein tolles Erlebnis auf der Habenseite verbucht.

Wolken umspielen die benachbarten Gipfel

Der Wirt der Schutzhütte scheint sich allerdings über die schlechte Aussicht bei sonst trockenen Verhältnissen zu freuen. Die Anzahl der Seilbahnbesucher ist hoch – und fast allen ist kalt: Tee und warme Suppen verkaufen sich heute wie von selbst.

Abstieg zum Falzaregopass

Für den Abstieg wähle ich den Weg durch die italienischen Tunnelanlagen in Richtung Falzaregopass. Der Einstieg liegt auf einer Vorkuppe, die durch einen gesprengten Grat mit dem Hauptgipfel verbunden ist: Helm auf, Stirnlampe an!

Einstieg in den langen Tunnel der italienischen Stellungen

Der Tunnel windet sich steil und rutschig im Berginneren nach unten, teilweise in Form einer Wendeltreppe. Hin und wieder zweigen Stollen ab, nur selten ermöglichen Fenster im Fels etwas Orientierung. Sehr beeindruckend sind die teilweise riesigen Kavernen, die für Unterkünfte, Seilbahnmotoren u. ä. angelegt worden sind.

Rekonstruierte Unterkünfte in den italienischen Stollen

Der Abstieg ist aber so steil und unregelmäßig, dass ich mich im Namen meiner Knie zwischenzeitlich auf das Ende des Tunnels freue – nach einigen hundert Höhenmeter ist es dann auch endlich soweit. Ich verzichte auf den Abstecher zum Martiniband und steige weiter zum Falzaregopass ab. Hin und wieder kommt dabei sogar die Sonne raus, es reicht aber kaum für ein schönes Foto.

Nach dem interessanten Auf- und Abstieg empfinde ich die Rückkehr vom Falzaregopass zum Fort Tre Sassi als wenig spannend: die Fußwege sind einfach, die Richtung kaum zu verfehlen. Interessant wird es lediglich an einem gut besuchten Klettergarten, an dem ich länger zuschaue.

Fazit

Die Überschreitung des Kleinen Lagazuois über die historischen Stellungen der beiden Kriegsparteien ist faszinierend. Mir hat ganz besonders der Kaiserjägersteig gefallen: nicht allzu lang, sehr abwechslungsreich und mit dem richtigen Maß an Herausforderung. Im Gegensatz dazu ist der Abstieg durch die italienischen Tunnelanlagen zwar historisch interessant, wirkt aber nach wenigen Minuten etwas eintönig. Dennoch ergänzen sich beide Abschnitte – die gesamte Tour lohnt sich!

Tourendatum: 24. August 2020

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