Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, als ich am Beginn der Schlüsselstelle stehe. Da ich die Rotwand im Rosengarten von Ost nach West überschreite, darf ich zum ersten Mal in einem Klettersteig eine Stelle der Schwierigkeit C absteigen. Das wird für mich nicht ganz einfach, schließlich liegt mein letzter Klettersteig schon ein paar Jahre zurück!
Inhalt
Einsamer Aufstieg zur Rotwandhütte
Einer der Vorteile des Familienurlaubs in Welschnofen ist leicht zu erahnen. Sollte sich für mich ein familienfreier Tag ergeben, dann gibt es dank der günstigen Lage am Fuß von Rosengarten und Latemar genügend anspruchsvolle Ziele. Gerade für die Gipfel des Rosengartens bedeutet das aber: Ich sollte idealerweise meine Klettersteigausrüstung in den sowieso nicht gerade leeren Kofferraum schmuggeln und auf genügend schöne Tage hoffen. Die Familie soll schließlich nicht zu kurz kommen. Das Glück ist mir jedenfalls hold und an einem der wenigen Tage mit perfekter Wettervorhersage packe ich in aller Frühe meinen Rucksack und verabschiede mich von meinen beiden bereits wachen Damen. Eine kurze Busfahrt zum Karerpass später freue ich mich sehr auf die Überschreitung der Rotwand, zu der ich zwei Tage zuvor vom Hirzelweg noch ehrfurchtsvoll hinaufgeschaut habe!

Dank des frühen Starts bin ich weitgehend alleine unterwegs. Ich finde das ganz praktisch, denn so kann ich mein ganz eigenes Tempo gehen und ungestörte Fotopausen einlegen. Die lohnen sich heute, denn mit jedem Höhenmeter auf dem Weg zur Rotwandhütte wird die Aussicht besser und ein ausgezeichneter Bergtag beginnt.

Die Almen bleiben bald zurück und durch einen Waldgürtel steige ich in einem weiten Bogen zur Rotwandhütte hinauf. Der Weg zieht schließlich mehr nach Norden, die Bäume werden niedriger und durch ein nur mäßig ausgeprägtes Tal geht’s nun spürbar hinauf. Die auf einem Absatz gelegene Hütte erreiche ich dann wenig später – und bin etwas überrascht. Direkt daneben liegt noch die kleinere, wenig ansehnliche Baita Marino Pederiva, die meiner Aufmerksamkeit im Kartenstudium entgangen sein muss. Aber was für ein schöner Ort! Inmitten eines kleinen Kessels liegen die beiden Hütten, die letzten morgendlichen Wolkenfetzen umspielen die vielen Felszacken des Rosengartens. Ich fühle mich wie berauscht von den gewaltigen Eindrücken.

Abstecher zum Col de Ciampac
Im Osten der beiden Hütten liegt mit dem Col de Ciampac ein interessanter Felsklotz, der eine gute Aussicht verspricht. Glücklicherweise führt ein kleines Steiglein hinauf, das etwas schwieriger als gedacht ausfällt: Auf den letzten Metern darf ich das erste Mal an diesem Tag die Hände an den Fels legen. Oben erwartet mich der erhoffte schöne Pausen- und Fotoplatz, der auch als eigenständiges Tourenziel durchgehen könnte!

Aber nicht nur der Blick zu meinem heutigen Tourenziel lohnt sich, eindrucksvoll zeigt sich insbesondere der vom Zigoladepass nach Osten weisende Ausläufer des Rosengartens in der Morgensonne.

Erste Kletterstellen auf dem Weg zum Fensterlturm
Für einen Moment bin ich wehmütig, den unerwartet schönen Pausenplatz auf dem Col de Ciampac schon wieder zu verlassen. Aber auf mich wartet ja noch mein eigentliches Tourenziel, die Rotwand. Jenseits der Rotwandhütte folge ich einem guten Steig, der direkt auf die steilen Felsen zuhält, die der Rotwand vorgelagert sind. Immer wieder denke ich, dass gleich der Klettersteig beginnen müsste, aber dann schraubt sich der Steig doch noch einmal in Gehgelände nach oben. Bis ich schließlich endgültig am Fuß einer Felswand stehe. Hier endet das Gehgelände endgültig.

Die fehlende Praxis macht sich durchaus bemerkbar, denn ich benötige ein paar Anläufe, bis ich die verdrehten Elemente des Klettergurts entwirrt habe. Die weiteren Handgriffe sitzen allerdings: Einbindung des Klettersteigsets, Helm auf, Handschuhe an. Und schon geht’s los! Nach den ersten Metern, die bereits ordentliches Zupacken verlangen, steige ich einen engen Kamin hinauf. Glücklicherweise bin ich ziemlich schmal gebaut, sodass ich vergleichsweise gut hindurchpasse. Viel Luft bleibt links und rechts allerdings auch bei mir nicht.

Am Ausgang des Kamins lassen die Schwierigkeiten spürbar nach und bald erreiche ich wieder Gehgelände. Auf einem ausgeprägten Geländeabsatz passiere ich mit dem Fensterlturm noch einmal einen Hingucker, bevor ich am Rand der Schlüsselstelle stehe, die ich auf meinem weiteren Weg zur Rotwand abklettern muss: Hier bricht die Teufelswand, an deren Flanke ich mich gerade befinde, senkrecht in den Sattel zur Rotwand ab.

Warten an der Schlüsselstelle
Gerade als ich dort ankomme, steigt in angemessenen Abständen nacheinander eine vierköpfige Familie aus dem Kamin aus. Ich beschließe also, noch einmal eine Essenspause einzulegen, denn warten muss ich ja so oder so. Nach der Familie kommen noch ein paar Italiener. Trotz meiner mittlerweile eher schlechten Vokabelkenntnisse kann ich ihnen entlocken, dass ihre Gruppe nun komplett ist. Denn von oben kann ich nur die ersten Meter die Wand einsehen und waghalsige Manöver wegen Gegenverkehr möchte ich lieber vermeiden!

Ich spüre meine Anspannung, als ich langsam den Kamin hinabsteige. Meine Aufregung legt sich allerdings zumindest ein wenig, denn es gibt genügend Tritte und Griffe, bevor das Stahlseil mich in die eigentliche Wandquerung leitet. Natürliche Tritte sind in der folgenden Verschneidung eher Mangelware, aber theoretisch hätte ich mich hier auch auf Reibung entlanghangeln können. Dennoch freue ich mich über ein paar Stahlstifte, die mir für das Umhängen einen sicheren Stand verschaffen. Der folgende senkrechte, trittarme Abschwung leitet mich dann schon in die letzten Meter des Abstiegs über, die deutlich einfacher ausfallen. Deutlich erleichtert klinke ich mich aus dem Seil aus und erhole mich von der Anspannung erst einmal. Praktischerweise sind in der Gegenrichtung einige weitere Klettersteiggeher unterwegs, die die Schlüsselstelle somit im einfacheren Aufstieg absolvieren und denen ich gerne zuschaue.

Grandioses Gipfelpanorama
Der anschließende Aufstieg zum Rotwandgipfel ist zunächst weiterhin als Klettersteig angelegt. Aus der Scharte geht es am Rand der Ostwand zunächst steil empor, die Schwierigkeiten halten sich allerdings in Grenzen. Das Gelände legt sich zunehmend zurück, die letzten etwa 100 Höhenmeter sind auf dem nun breiten Gipfelrücken bereits wieder bestes Gehgelände.

Am Gipfel erwarten mich Dutzende andere Gipfelstürmer – und eine umfassende Aussicht, die sich einerseits überwältigend, andererseits so vertraut anfühlt. Nach mehreren Jahren endlich wieder auf einem so schönen Dolomitengipfel zu stehen, setzt bei mir intensive Glücksgefühle frei: ich bin zurück in den richtigen Bergen!

Wohin ich auch schaue, in jeder Richtung zeigen sich berühmte Gipfel, ganz im Westen beispielsweise der Ortler. Meine Blicke gehen aber mehr in die umliegenden Dolomiten. Links des gewaltigen Sellastocks mit dem Piz Boè gruppieren sich Plattkofel und Langkofel, rechts davon wecken die drei Tofane Erinnerungen an den Urlaub im Gadertal einige Jahre zuvor.

Im Osten gefällt mir die Marmolata besonders gut. Sie zeigt mir ihr kantiges, felsiges Profil – und dennoch ist ihr Gletscher von der Seite auszumachen. Das wäre doch auch mal ein schönes Gipfelziel!

Schon etwas weiter weg liegt die Palagruppe, deren wild gezackte Gipfel mich schon länger interessieren. Vielleicht klappt’s ja mal in den nächsten Jahren mit einem Urlaub in San Martino, gleich hinter dem Rollepass? Hier gäbe es jedenfalls noch viel zu entdecken!

Leichter Abstieg zum Karerpass
Irgendwann reiße ich mich los und beginne schließlich den Abstieg über den Normalweg zum Valojonpass. Dieser leichte Klettersteig beinhaltet keine größeren Schwierigkeiten und wird gerne von Bergschulen für Klettersteigtouren für Einsteiger genutzt. So auch heute, denn mir kommen gleich mehrere Gruppen unter offensichtlicher Anleitung von Bergführern entgegen. Die jeweiligen Wartezeiten machen mir aber kaum etwas aus, denn mir direkt gegenüber findet sich mit der Tscheiner Spitze ein formschöner Hingucker!

Im Valojonpass angekommen, wende ich mich nun nach links und steige zum Hirzelweg hinab. In nun weitgehend vertrautem Gelände fällt mir der finale Abstieg zum Karerpass natürlich leicht. Dennoch halte ich des Öfteren für einen Moment an und genieße den Rückblick zur gewaltigen Rotwand!

Fazit
Die morgendliche Anspannung, der Respekt vor der Tour und der Nervenkitzel an der Schlüsselstelle waren letztlich größer als die eigentliche Schwierigkeit. Dennoch bin ich froh, dass alles gut geklappt hat – und ich trotz mehrjähriger Pause mit den Anforderungen des Klettersteigs gut zurechtgekommen bin. An diesem Tag hat einfach alles gepasst und ich konnte mit einem euphorischen Grinsen im Gesicht die Rückkehr zu meiner Familie antreten!
Tourendatum: 25. August 2025
Ein Kommentar