Berg-Ge(he)n

Gratwanderung im Grasbergkamm

Bereits Anfang August habe ich einen Anlauf unternommen, drei Gipfel im Grasbergkamm zu überschreiten. Allerdings erfolglos, auch wenn ich völlig erschöpft immerhin das erste Gipfelziel erreicht habe. Sechs Wochen später ergibt sich erneut eine Gelegenheit, zur Fleischbank, zum Hölzelstaljoch und dem namensgebenden Grasberg aufzubrechen.

Die Reisekette funktioniert dieses Mal perfekt

Beim ersten Versuch hat vieles nicht geklappt. Es ging schon damit los, dass der Bergsteigerbus in Lenggries nicht auf den verspäteten Zug gewartet hat. Der stark verspätete Tourenstart im Rißtal kam an dem heißen Sommertag sehr ungelegen, in dem südseitigen Hang wurde ich ordentlich geröstet. Heute sieht die Sache aber schon ganz anders aus: der Zug ist pünktlich, der Bergsteigerbus steht in Lenggries bereits parat: um Punkt 8 Uhr steige ich im Rißtal aus dem Bus.

Morgendlicher Blick ins Johannestal und zur Kaltwasserkarspitze

Gemütlicher Aufstieg zur Fleischbank

Die Temperaturen sind so früh am Morgen noch sehr angenehm. Ich biege sehr motiviert auf den Steig ein, der zur Fleischbank hinauf führt. Mein heutiger Tatendrang lässt allerdings schon nach wenigen Metern an einer einfachen Bachquerung erstaunlich schnell nach: unfreiwillig unterziehe ich meine Bergschuhe einer Dichtigkeitsprüfung. Mit trockenen Füßen, aber nun etwas weniger dynamisch mache ich mich auf den weiteren Weg. Bis zur ersten Frühstückspause an einer Jagdhütte begegne ich auf dem ausgezeichnet angelegten Steig niemandem.

Die Jagdhütte Steilegg liegt bereits länger in der Morgensonne

Auch der weitere Aufstieg zur Fleischbank ist so einsam wie gemütlich. Schnell erreiche ich den querenden Kammweg, der unterhalb der Kammlinie verläuft. Heute werde ich diesen immer nur für kurze Abschnitte nutzen, denn ich möchte natürlich die drei Gipfel besuchen. So verlasse ich bald den meist guten Fußweg und steige zur Fleischbank auf, dem ersten Gipfel des heutigen Tages.

Am Gipfel der Fleischbank

Edelweißfelder am Hölzestaljoch

Der folgende Abstieg in den nächsten Sattel ist unangenehm steil. An einigen Stellen weiche ich in die schrofigen Wiesen aus, um dem Rollsplit so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Immerhin dauert die Passage nur wenige Minuten – nach dem Knieschnackler freue ich mich schon auf den nächsten Anstieg. Und der führt mich direkt aus dem Sattel steil hinauf zum Hölzestaljoch. Ich entdecke dabei erst ein, dann zwei Edelweiß. Und nur wenige Schritte weiter stehen gleich ein paar Dutzend. Mehr als ungewöhnlich, aber sehr schön!

Edelweiß am Hölzelstaljoch

Am höchsten Punkt des Hölzestaljochs bleibe ich nicht lange. Nach ein paar Fotos mache ich erneut auf den Weg. Der Abstieg ist deutlich angenehmer als der von der Fleischbank. Noch ein paar Kurven, dann stehe ich vor dem unerwartet schmalen Übergang zum Grasberg.

Die kurze Kraxelstelle auf dem Weg zum Grasberg ist fast erreicht

Einsame Kammwanderung über den Grasberg

Auf der anderen Seite des Verbindungssattels wartet eine versicherte, leichte Kraxeleinlage. Schnell habe ich die Rinne durchstiegen und muss mich oben erst einmal orientieren: auf den ersten Blick kann ich den Steig nicht entdecken, der von hier zum Grasberg führen sollte. Auf den zweiten übrigens auch nicht. Schließlich entdecke ich weit oben an einem Felsen ein nicht besonders großes, aber rotes G. Ich bin zuversichtlich, dass es eher für Grasberg und nicht für Gefahr steht und steige weglos über den sehr steilen Wiesenhang auf. Auf der Kammhöhe entdecke ich Steigspuren, die mich rasch zum unspektakulären, aber aussichtsreichen Gipfel führen.

Rückblick über die bisherige Gratwanderung

Nach einer weiteren Pause mache ich mich an den Abstieg. Und der bietet mal wieder unangenehm bröselig-rutschige Passagen. Mit dem Geländetyp werde ich in diesem Jahr immer wieder konfrontiert, kann mich aber jedes Mal auf’s Neue kaum damit anfreunden. In der Latschenzone wird alles besser, ich komme nun wieder gut voran. Allerdings biege ich offenbar einmal falsch ab, die Latschengassen werden immer enger. Allerdings deuten die Steigspuren darauf hin, dass ich nicht der Erstbegeher dieses Latschendickichts bin. Glücklicherweise entdecke ich wenig später einen unterhalb, quer verlaufenden Steig. Kurzentschlossen steige ich weglos ab und erreiche wenig später auch wieder den Höhenweg.

Die Eiskönigspitze sieht im Sommer keineswegs winterlich aus

Der Abstecher zum Kompar fällt aus

Gemütlich spaziere ich hinab in den weiten Grasbergsattel. Von hier aus könnte ich noch weiter, in Richtung Plumsjoch gehen und den Kompar noch mitnehmen. Angesichts der bereits übersichtlichen Getränkevorräte im Rucksack verzichte ich jedoch darauf. Stattdessen folge ich dem Fahrweg, der hinunter ins Rißtal führt. Sobald das Gelände steiler wird, bin ich allerdings ziemlich erstaunt: aus dem zunächst guten, breiten Fahrweg ist mittlerweile ein mehr als holpriger Karrenweg geworden: wie soll hier ein Auto hochkommen? Mir soll’s gleich sein, als Fußgänger komme ich natürlich gut voran. Im Rißtal muss ich dann auch nicht lange auf den Bus warten, der wenige Minuten nach mir und somit pünktlich an der Haltestelle eintrifft.

Der Abstiegsweg ermöglicht Einblicke in die gewaltigen Wände von Schaufelspitze und Sonnjoch

Fazit

Nicht jede Tour klappt im ersten Anlauf, dafür war der zweite umso schöner. Besonders genießen konnte ich die grandiose Einsamkeit im Grasbergkamm: den ganzen schönen Spätsommertag über habe ich nur einige wenige Menschen in weiter Ferne gesehen. Diese Kammwanderung ist ein echter Geheimtipp!

Tourendatum: 19. September 2020

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