Berg-Ge(he)n

Schellkopf

Wunderbare Aussichten in den Tiroler Teil des Ammergebirges

Der endgültige Wintereinbruch lässt auch Ende November noch immer auf sich warten. Die Wettervorhersage ist jedenfalls brilliant, die Tourenauswahl dabei gar nicht so einfach: zwar hält die fast jeden Tag scheinende Sonne die Südflanken frei von Schnee, auf den Nordseiten sieht es jedoch zunehmend schwieriger aus. Der Schellkopf ist zwar nicht gerade niedrig, aber günstig ausgerichtet. Und so unternehme ich drei Wochen nach dem an einem Zugausfall gescheiterten ersten Versuch einen erneuten Anlauf.

Eis auf der Brille

Als ich zum zweiten Mal in diesem Jahr den Zug in Griesen verlasse, ist es kalt. Sehr kalt. Vermutlich gibt es im ganzen Werdenfelser Land heute keinen kälteren Ort. Aber das war zu erwarten – und so lasse ich auch nach dem Aussteigen aus dem Zug erst einmal die Maske auf. Und tatsächlich geht der Plan auch auf, mein Gesicht bleibt einigermaßen warm. Natürlich beschlägt sofort meine Brille, was mir aber zunächst nichts ausmacht: ich kenne den Weg ins Tal der Neidernach mittlerweile ganz gut. Als ich dann jenseits des kleinen Orts die Maske abnehme, ist die Atemluftfeuchte auf der Brille allerdings längst zu einer hartnäckigen Eisschicht gefroren …

Die morgendliche Kälte lässt sich nicht nur fühlen, sondern fast schon sehen
Die morgendliche Kälte lässt sich nicht nur fühlen, sondern fast schon sehen

Endlich in der Sonne!

Als ich den Fahrweg entlang der Neidernach verlasse und zum Steig in Richtung Schellschlicht abbiege, komme ich der Sonne endlich näher. Diese hat es zwar noch nicht ganz über den bergigen Horizont geschafft, weiter oben am Berg ist es aber bereits deutlich heller. Sobald ich die Sonne erreiche, wird es endlich angenehm warm – und wenige Meter weiter verlasse ich den Anstiegsweg und wechsele hinüber zum Einstieg in den Weg zum Schellkopf. Kein Schild, keine Markierung deutet auf diesen alten und fast vergessenen Steig hin. Dennoch ist der Weg in einem guten Zustand – ich genieße den sonnigen und gemütlichen Anstieg. Und ganz nebenbei taut in der jetzt warmen Südflanke auch meine Brille langsam wieder auf!

Endlich kommt die Sonne hervor - und gleich wird es schon viel wärmer!
Endlich kommt die Sonne hervor – und gleich wird es schon viel wärmer!

Nach einer Verpflegungspause kurz vor dem Einschnitt der Bösen Laine steht mir der anstrengendste Abschnitt des Anstiegs bevor: über eine steile Geländerippe mühe ich mich zur Kammhöhe hinauf. Was im Hochsommer eine schweißtreibende Angelegenheit wäre, ist Ende November dann doch deutlich angenehmer.

Die Geländerippe sieht unscheinbar aus, wird aber ziemlich steil
Die Geländerippe sieht unscheinbar aus, wird aber ziemlich steil

Auf dem Verbindungskamm zwischen Hohen Brand und Schellkopf angekommen, ist erst einmal etwas Orientierung angesagt: ab hier existieren viele Steigspuren, die auf verschiedenen Höhen in Richtung Gipfel führen – und nur eine wird im späteren Latschendickicht die richtige sein …

Im Hintergrund zeigt sich zumindest schon einmal der Vorgipfel
Im Hintergrund zeigt sich zumindest schon einmal der Vorgipfel

Eiskalter Wind am Gipfel

Ich wähle zumindest fast die richtige Spur, kann aber im Wald problemlos korrigieren. Eine Etage weiter oben erreiche ich einen überraschend guten Steig, der um einen markanten Einschnitt herum in den Anstieg zum Vorgipfel überleitet. Von dort ist auch der bisher noch unscheinbare Hauptgipfel leicht auszumachen: viele Höhenmeter sind es nicht mehr. Allerdings führt der Steig zunächst auf der Nordseite des Vorgipfels entlang. Die Sonne hat diesen Abschnitt schon lange nicht mehr erreicht, Schnee und Eis sorgen kurzzeitig für einige rutschige Momente.

Endlich zeigt sich der Gipfel des Schellkopfs!
Endlich zeigt sich der Gipfel!

Sobald ich den Schnee hinter mir lasse, ist der verbleibende Anstieg zum Schellkopf zügig erledigt: steil steige ich zum aussichtsreichen Gipfel hinauf, den ein kleines, aber schönes Holzkreuz schmückt. Das Panorama ist umfassend, die günstige Lage des Schellkopfs wird nun offensichtlich: am südwestlichen Ausläufer der einsamen Kreuzspitzgruppe liegt der Schellkopf zentral in den südlichen Ammergauer Alpen und bietet schöne Ausblicke auf die umliegenden und vielfach bekannteren Gipfel.

Am kleinen, aber schönen und unverwechselbaren Gipfelkreuz
Am kleinen, aber schönen und unverwechselbaren Gipfelkreuz

Die Gipfelpause fällt allerdings nur sehr kurz aus: der kalte Wind vertreibt mich rasch wieder. Erst in einer Mulde unterhalb des Vorgipfels finde ich einen geschützten Platz. Der warme Tee aus der Thermoskanne und die große Tafel Schokolade sind jetzt genau das Richtige!

Der Pausenblick geht tief hinunter ins schattige Loisachtal
Der Pausenblick geht tief hinunter ins schattige Loisachtal

Querung zum Hohen Brand

Für den Abstiegsweg habe ich mir die Variante über den Hohen Brand vorgenommen. Aber erst einmal gilt es, den Weg zu finden. Bereits vom Gipfel des Schellkopfs habe ich einen Blick auf die Karte geworfen – und glaube, den Weg zum Hohen Brand entdeckt zu haben. Wegweiser und Markierungen sind weiterhin nicht vorhanden, ein wenig Intuition hilft spürbar! Und so mache ich mich auf den Weg zu einer Viehtränke, hinter der sich die vielversprechende baumfreie Gasse den Hang hinaufzieht. Und tatsächlich entdecke ich dort die erhofften Steigspuren, denen ich zu einem kleinen Geländeabsatz folge. Ohne größere Höhenunterschiede geht es nun weiter zum Hohen Brand. Der schmale Steig führt durch steiles Gelände, rechts gähnt des öfteren der Abgrund. Ich bin sehr froh, dass sich hier kein Schnee gehalten hat und die Sonne für trockene Verhältnisse sorgt.

Der Steig zum Hohen Brand ist leicht zu verlieren ...
Der Steig zum Hohen Brand ist leicht zu verlieren …

Erst kurz vor der Einmündung in den zur Schellschlicht führenden Steig finden sich die ersten Schneeflecken. Sobald ich den Steig erreiche, ist der Schnee auf dem schmalen Gratverlauf meist stark komprimiert und stellenweise vereist. Viel Geduld und Vorsicht ist jetzt angebracht, weder links noch rechts ist Platz für einen Ausrutscher. Im beständigen Auf und Ab erreiche ich schließlich entlang des Gratverlaufs sicher den Hohen Brand.

Blick vom Hohen Brand zur Schellschlicht
Blick vom Hohen Brand zur Schellschlicht

Trotz des langsamen Fortgangs auf dem letzten Teilstück liege ich gut in der Zeit. Zeit für eine weitere Pause in der schönen Herbstsonne auf diesem markanten Fels im Kammverlauf!

Unterhalb des Hohen Brands zeigt sich noch einmal der Schellkopf von seiner schönsten Seite
Unterhalb des Hohen Brands zeigt sich noch einmal der Schellkopf von seiner schönsten Seite

Abstieg über die Schellalm

Der weitere Abstiegsweg ist mir von der Tour auf die Schellschlicht im September noch gut vertraut. Die versicherte Steilstufe direkt unter dem Hohen Brand überwinde ich rasch. An deren Fuß ist noch einmal eine schöne Gelegenheit, einen Blick zum Schellkopf hinüberzuwerfen. Wenige Meter später taucht der Weg dann auch schon für lange Zeit in den Wald ein. In unzähligen Kehren steige ich hinab zur Schellalm, an der ich ein letztes Mal Sonne tanken kann.

Im Gegensatz zu den Nordwänden des Wettersteins liegt die Schellalm noch in der Nachmittagssonne
Im Gegensatz zu den Nordwänden des Wettersteins liegt die Schellalm noch in der Nachmittagssonne

Besonders wichtig ist es nun aber, von der Schellalm zur genau richtigen Zeit loszugehen: in Griesen wird es wieder sehr kalt sein, so dass ich nicht zu früh am Bahnhof eintreffen sollte. Den Zug zu verpassen wäre allerdings auch nicht ratsam, denn in der Eiseskälte zwei Stunden auf den nächsten zu warten, wäre alles andere als kommod. Alles läuft bestens, die Planung geht auf: fünf Minuten vor der Abfahrt des glücklicherweise pünktlichen Zugs erreiche ich den Bahnhof in Griesen. Aber auch diese sehr kurze Wartezeit am Bahnsteig hat es in sich, im Zug taue ich langsam wieder auf.

Fazit

Die stark verkürzte Bergsaison ging für mich mit dem wunderbaren Besuch des Schellkopfs zu Ende. Es hat mir gut getan, noch einmal viel Sonne und Bergluft zu tanken, bevor einige Tage später endgültig der Winter Einzug hielt. Aber im nächstes Jahr geht’s natürlich weiter!

Tourendatum: 28. November 2020

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