Berg-Ge(he)n

Zwischen Kufstein und Wildem Kaiser

Herbstidylle an der Steinlingalm

Das spätsommerlich gute Wetter hat sich nach dem Urlaub in den Cinque Terre und dem Grödnertal nicht so recht einstellen wollen. Erst ab etwa Mitte Oktober wird’s wieder besser und ergibt sich die nächste Tour. Die Wahl fällt auf den Kufsteiner Stadtberg und den Gamskogel, die ich vor drei Jahren schon einmal besucht habe. Heute erweitere ich die Tour aber mit Hocheck und Kreuzbichl um zwei weitere Gipfel und kehre erst nach einer ausgiebigen Runde nach Kufstein zurück.

Früher Start

Um den Zug um 6:40 am Hauptbahnhof nach Kufstein zu erreichen, ist ein sehr frühes Aufstehen angesagt. An Arbeitstagen gelingt mir das bestenfalls selten – aber an Bergtagen klappt’s erstaunlicherweise ganz ohne Probleme! Bestens motiviert richte ich meine Brotzeit, frühstücke und dann geht’s auch schon zur S-Bahn. Diese ist auch pünktlich unterwegs und ich erreiche meinen Zug am Hauptbahnhof ohne jegliche Umsteigehektik. Eine gute Stunde später, es ist zwischenzeitlich auch schon hell geworden, erreiche ich bereits Kufstein. Die Stadt und ihre Bewohner scheinen noch im Bett zu liegen, nur wenige Kufsteiner sind an diesem Oktobersonntag so früh bereits auf den Beinen. Beim folgenden Aufstieg in Richtung Brentenjoch begegne ich bis zur Mittelstation des Kaiserlifts an der Duxeralm erwartungsgemäß keiner menschlichen Seele mehr.

Wie immer sehr beeindrucken: der Pendling direkt über dem Inntal
Wie immer sehr beeindrucken: der Pendling direkt über dem Inntal

Im zweiten Teil des Anstiegs zum Brentenjoch bin ich weiter im kühlen, morgendlichen Schatten unterwegs. Was im Hochsommer sicherlich ganz angenehm wäre, ist jetzt, im Herbst, aber fast schon unangenehm. So sehne ich mich nach der Sonne, die ich erst im Brentenjoch endlich erreiche. Ab jetzt wird’s wärmer, auch wenn immer wieder einige hohe Wolkenfelder durchziehen.

Ein kurzer Blick aus dem Brentenjoch zum Jahnhügel
Ein kurzer Blick aus dem Brentenjoch zum Jahnhügel

Sonne am Gamskogel

Im Brentenjoch angekommen wende ich mich nach links und beginne den mir noch wohlbekannten Aufstieg zum Gamskogel. Nun bin ich nicht mehr alleine unterwegs, denn von der nahen Bergstation des Kaiserlifts kommen immer wieder eine Grüppchen herabgeschlendert. Offenkundig mit dem Ziel Gamskogel, denn ansonsten liegt in dieser Richtung kein passendes Ziel. Und tatsächlich, während der nächsten 250 Höhenmeter bis zum Gipfel überhole ich zahlreiche Gipfelaspiranten, die heute interessanterweise ausschließlich als familiäre Gruppen unterwegs zu sein scheinen. Am Gipfel angekommen finde ich diesen verwaist vor, die Bank am Gipfelkreuz somit für mich frei. Ich genieße die unerwartete Ruhe, die allerdings absehbar nicht mehr lange anhalten wird. Eine Wohltat ist sowohl den Blick zum nahen Zahmen Kaiser, den ich erst in diesem Hochsommer weitgehend überschritten habe, als auch den Inhalt meiner Brotzeitbox.

Der Zahme Kaiser wirkt zum Greifen nah
Der Zahme Kaiser wirkt zum Greifen nah

Als es am Gipfel des Gamskogels voller und lauter wird, packe ich meinen Rucksack und beginne den Abstieg in Richtung Steinbergalm. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird, denn ab jetzt beginnt der mir unbekannte Teil meiner heutigen Tour!

Das Stripsenjoch verbindet Zahmen und Wilden Kaiser
Das Stripsenjoch verbindet Zahmen und Wilden Kaiser

Nach ein paar noch eher flachen Metern wird’s dann tatsächlich interessant: das Herbstlaub verdeckt so gewissenhaft wie effizient die meist dünne Pfadspur. Glücklicherweise lässt sich der Steigverlauf auch im steilerem Gelände jederzeit erahnen, so dass ich trotz des Laubs zügig voran komme. Bald wird der Weg wieder flacher und läuft entlang der Flanke des Brandkogels langsam aus.

Schöne Aussichten beim Abstieg in Richtung Steinlingalm
Schöne Aussichten beim Abstieg in Richtung Steinlingalm

Im Schatten des Wilden Kaisers

Je näher ich dem Wilden Kaiser dabei komme, umso besser lassen sich die steilen Felswände studieren. Allerdings gerate ich dabei auch in den unvermeidlichen Schatten, denn die Sonne schafft es so spät im Jahr nicht mehr über diese gewaltige Felskette. Immerhin bin ich gut warmgelaufen, so dass mir die Kühle nun weniger ausmacht. Die Kiefern entlang der Ausläufer der Steinbergalm sind auch schon teilweise verfärbt, ich bin aber dennoch nicht am richtigen Tag für klischeehafte Herbstfotos unterwegs. Vielleicht liegt’s aber auch an der fehlenden Sonne?

Herbstliche Kiefern im Schatten des Wilden Kaisers
Herbstliche Kiefern im Schatten des Wilden Kaisers

Nur wenige Gehminuten später verliere ich noch einmal weitere Höhenmeter beim allerdings nur kurzen Abstieg zur kleinen Siedlung der Steinbergalm. Die dortige Kaindlhütte ist natürlich auch schon längst geschlossen, was eine große Wandergruppe offenbar vor logistische Herausforderungen zu stellen scheint: ratlose Gesichter und fehlende Rucksäcke stillen weder Durst noch Hunger. Mir fehlen leider die messianischen Fähigkeiten, mit meinem verbliebenen Semmel zwanzig Personen versorgen zu können und beginne lieber mit meiner verbliebenen Verpflegung im Rucksack den folgenden Anstieg zum Hocheck.

Die langen Schatten des Wilden Kaisers schatten die Steinlingalm ab
Die langen Schatten des Wilden Kaisers schatten die Steinlingalm ab

Am dortigen, nur mäßig ausgeprägten Gipfel erreiche ich endlich wieder die Sonne – und genieße das wunderbare Panorama. Gerade am Ausblick über das Inntal hinüber ins Mangfallgebirge und zu den Brandenberger Alpen kann ich mich kaum satt sehen!

Herbstlicher Blick vom Hocheck ins Inntal
Herbstlicher Blick vom Hocheck ins Inntal

Abstieg zum Kreuzbichl

Der Rückweg nach Kufstein ist noch weit, so dass ich trotz des wunderbaren Panoramas dann doch bald wieder meinen Rucksack schultere. Der folgende schattige Abstieg ist unspektakulär und einsam, bis ich oberhalb der Walleralm endlich wieder freies und sonniges Gelände erreiche. Allerdings gefällt mir das, was ich jetzt sehe, nur sehr bedingt: Einerseits wird in diesen Tagen offenbar ein ganzes Waldstück abgeholzt und die schweren Baumaschinen haben vor allem schlammige Wege hinterlassen. Andererseits gibt es fünfzig Höhenmeter unter mir auf der Almfläche gleich drei geöffnete Einkehrmöglichkeiten! Dementsprechend ist viel los, hier steppt heute der Bär – vermutlich sind die Wege von den Parkplätzen am Hintersteiner See einfach und kurz? Immerhin finde ich am Kreuzbichl, ein Hügel oberhalb der Alm, ein vergleichsweise ruhiges Plätzchen.

Nur auf der ruhigen Rückseite des Kreuzbichls ist nichts los
Nur auf der ruhigen Rückseite des Kreuzbichls ist nichts los

Nach der Pause auf diesem letzten Gipfel der Tour ist meine Brotzeitbox nun auch vollständig geleert. Gut gestärkt mache ich mich somit auf den Weg nach Kufstein. Zwar denke ich noch kurz über den Abstecher zum Zettenkaiserkopf nach, widerstehe aber diesem verlockenden Gipfel: der verbleibende Weg ist auch so noch lang genug. Viele Kilometer warten noch auf mich!

Abstecher zum Zettenkaiserkopf gefällig?
Abstecher zum Zettenkaiserkopf gefällig?

Bis nach Kufstein wird’s ein langer Hatscher …

Und diese etwa acht Kilometer ziehen sich ganz schön in die Länge. Wenigstens ist der Wegverlauf zunächst abwechslungsreich: nach dem Abstieg durch einen schönen Wald zu einer Hofstelle ist die Querung des Gaisgrabens das nächste Etappenziel. Zwischendurch mache ich mir auf Grund der zurückhaltenden Beschilderung und des Zustands des Wegs Gedanken, ob ich den Wildbach ggf. barfuß queren muss. Erfreulicherweise taucht im letzten Moment dann doch eine intakte Brücke auf, so dass ich trockenen Fußes auf die andere Seite gelange.

Den Stromschnellen im Gaisgraben könnte ich lange zuschauen
Den Stromschnellen im Gaisgraben könnte ich lange zuschauen

Es bleiben in der Folge noch fünf langweilige Kilometer übrig. Hier heißt die Devise: Kopf aus, Füße an. In der nächsten Stunde gibt es weder Interessantes zu sehen noch passiert irgendetwas. Und nachdem auch die Sonne gegenüber der Bewölkung immer öfters ins Hintertreffen gerät, darf der Fotoapparat auch bis zum Kufsteiner Ortsrand im Rucksack bleiben. Reichlich müde und erschöpft nach der langen Tour, aber im Kopf angenehm erfrischt, erreiche ich wenige Minuten vor der Abfahrt meines Zuges nach München den Kufsteiner Bahnhof. Wieder einmal hat das für die An-und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln so wichtige Zeitmanagement erfreulich gut funktioniert!

Die Sonne erreicht Kufstein bereits am späten Nachmittag nicht mehr
Die Sonne erreicht Kufstein bereits am späten Nachmittag nicht mehr

Fazit

Mit deutlich mehr als 20 Kilometern geht die Rundtour von Kufstein über Gamskogel, Hocheck und Kreuzbichl durchaus als Konditionstest durch. Schön ist sie allemal und ab dem Gamskogel auch über weite Strecken ruhig bis einsam. Besonders eindrucksvoll ist dabei immer wieder der Blick hinauf zu den steilen, imposanten Gipfeln des Wilden Kaisers, die Lust auf weitere Touren machen!

Tourendatum: 23. Oktober 2022

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